Sachsen-Express
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++ Zum 100. Geburtstag der 2-fachen OSCAR-Gewinnerin LUISE RAINER ++

Hierzulande unbekannter MGM-Klassiker: Die Roman-Adaption >>The Good Earth<<, mit Paul Muni (links).


"MISTER MAYER, YOU HAVE NOT BOUGHT A CAT IN A SACK ... GOD MADE ME, NOT YOU!"

(sa-ex) Die große RHEINISCHE POST ist in Düsseldorf zu Hause. Gibt man in der Internet-Ausgabe den Suchbegriff Luise Rainer ein, stößt man auf null Ergebnisse. Derweil feierte die längst vergessene Schauspielerin gerade ihren 100. Geburtstag, lebend wie sonst nur "Jopi" Heesters. Aber der hatte lediglich einen einzigen Auftritt in Hollywood, 1953 vom großen Otto Preminger in The Moon Is Blue und der parallel entstandenen deutschen Version Die Jungfrau auf dem Dach gemanagt. Rainer war hingegen zweifache OSCAR-Gewinnerin - bis heute die einzige Deutsche, der das in der Sparte Beste Schauspielerin überhaupt gelang, und damals, als es gaschah, zusätzlich vom auch später seltenen Novum gekrönt, dies in zwei aufeinanderfolgenden Jahren geschafft zu haben. Sie ist übrigens wirklich Deutsche und nicht, wie ALL MOVIE GUIDE-Autor Hal Erickson meinte, eine Österreicherin. Der Irrtum ist hauptursächlich ihrem beruflichen Einstieg in den Vereinigten Staaten geschuldet, der sich Mitte der Dreißiger vollzog, als es den dort Verantwortlichen günstiger erschien, dem Publikum eine Österreicherin anstelle einer Deutschen zu präsentieren. Das Nationalitäten-Manko könnte aber ebenso gut aus der frühen Kindheit herrühren: Luise war das mittelste von drei Kindern des Geschäftsmannes und Händlers Heinrich Raner, der nach Amerika ging, als Luise 6 Jahre alt war, um einen Onkel zu unterstützen. Derweil wuchs die Tochter sowohl in der Rhein-Metropole als eben auch in Wien auf, wo sie zugleich die Schule besuchte. "Ich war schon als Kind unmöglich", vertraute sie 98-jährig einem Reporter der FRANKFURTER ALLGEMEINEN an, der sie in London besuchen durfte. Wie gesagt: Die Düsseldorfer Haus-Gazette hatte es nicht nötig, ihrem sehr berühmten weiblichen Jubilar einen Beitrag zu widmen. Man tröstet sich als Sachse mit dem unschönen Verhältnis Dresdens zu den Siodmak-Brüdern Robert und Curt, die der ach so genialen Kunst- und Kultur-Metropole keine einzige ernsthafte Widmung wert waren bzw. sind. Vielleicht, weil sie Juden waren und als solchige über den Großen Teich fliehen mussten. Denn auch das: Luise Rainers Familie war ebenfalls jüdisch.

Es dürfen dennoch leise Zweifel an der hiesigen WIKIPEDIA-Ausgabe angemeldet werden, die behauptet, Rainer sei "vor den Nazis geflüchtet". Bei David Thomson, dem eifrigen britisch-amerikanischen Film-Kritiker und -Historiker, liest sich das deutlich moderater und glaubwürdiger; dort ist von einer Einladung durch METRO-GOLDWYN-MAYER die Rede. Und Erickson ging noch einen Schritt weiter ins Detail: "Der kometenhafte Aufstieg (...) begann im Alter von 16 Jahren, als sie eine spektakuläre Probe ablieferte und auf der Stelle von dem berühmten Theater-Direktor Max Reinhardt engagiert wurde. Sie spielte in mehreren Bühnen-Aufführungen Reinhardts die Hauptrolle und wirkte auch in einigen deutsch-österreichischen Filmen mit. Als sie mit Pirandellos Stück 'Sechs Personen suchen einen Autor' durch Europa tourte, wurde sie von einem Talente-Scout der M-G-M 'entdeckt'." Doch wir wollen den Lebens-Film noch ein paar Meter zurückspulen: Während der aus den Staaten mit noch mehr Reichtum zurückgekehrte Vater ein reichlich diktatorisches häusliches Regiment führte, nach dessen Willen die einzige Tochter (beide Geschwister waren Brüder) den normalen bürgerlichen Ehe-Weg einzuschlagen hatte, versorgte Mutter Emmy - ihres Zeichens eine relativ begabte Pianistin - die Heranwachsende mit jenem Stoff, aus dem künstlerische Träume sind. Tanz und Malerei standen zunächst auf dem "Versuchs-Programm"; später entschied sich die reichlich Unentschlossene für die Darstellerei. Laut FAZ-Bericht soll es Gustaf Gründgens in einer Aufführung von Klabunds "Der Kreidekreis" (ursprünglich ein Singspiel aus dem Chinesischen) gewesen sein, der die 14- oder 15-Jährige entscheidend inspiriert habe: "Ich saß da und dachte plötzlich: Das kannst du auch."

Einmal entschlossen, beim Mimischen zu bleiben, büffelte sie heimlich Frank Wedkinds Lulu aus "Die Büchse der Pandora" und reiste - vom entsetzten Vater halb verstoßen - tatsächlich zum Vorsprechen bei Reinhardt nach Berlin. Das verlief dann aber anders, als von Erickson formuliert, jedenfalls aus Sicht der Greisin: Sie patzte, und der große Impressario schickte sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Dort war sie freilich nicht mehr willkommen, deshalb sorgten die Großeltern in Krefeld für vorläufigen Ersatz. (Andere Quellen behaupten auch, sie habe in Hamburg gelebt. Wie immer in Fällen, in denen relativ wenig von einer Berühmtheit bekannt ist, widersprechen sich die verschiedenen Autoren - wir vom SA-EX halten es für angebracht, dem Pfad des Logischen zu folgen.) Krefeld wird schon deshalb stimmen, weil sie ungeachtet der hauptstädtischen Peinlichkeit doch zu ihrem Bühnen-Debüt kam, und zwar im Düsseldorfer "Schauspiel-Haus", das seinerzeit dank der umtriebigen Gründerin, Leiterin und Ausbilderin Louise Dumont (1862-1932) über eine eigene Schauspiel-Schule verfügte; Rainer gab - wieder nach Wedekind - die 14-jährige Wendla in "Frühlings Erwachen". Weitere Aufgaben folgten, so in "Peer Gynt" und Shakespeares "Maß für Maß". Bis 1931 blieb sie der heutigen Hauptstadt Nordrhein-Westfalens treu, dann holte sie ausgerechnet Reinhardt nach Wien: Ob ans "Volks-Theater" oder ins "Theater in der Josefstadt" - auch darüber streiten sich die Rückblicke. Egal.

Der Film lässt nicht auf sich warten; Regisseur Max Neufeld besetzte sie neben Magda Schneider und dem unvergessenen Paul Kemp in Sehnsucht 202 (1932), einem für die Zeit typischen Verwechslungs- Gaudi. Noch im gleichen Jahr verpflichtete sie Carl Boese für Madame hat Besuch, und 1933 folgte Heute kommt's drauf an in der Regie von Kurt Gerron, hier schon in tragender Rolle neben Hans Albers. Niemand ahnt, dass die musikalische Komödie für Jahrzehnte der letzte Auftritt Rainers im deutsch-sprachigen Kino bleiben wird, die übrigens ohnehin eine gewisse Abneigung gegenüber der Leinwand hegt, viel lieber ohne Kameras mimt. In jene Zeit fiel dann auch die Reinhardtsche Bearbeitung von "Sechs Personen suchen einen Autor", vom Italiener Luigi Pirandello verfasst und bei seiner Uraufführung anno 1921 in Rom ein mittlerer Skandal. Man zog damit durch die Lande (vermutlich aber nur durch Deutschland und nicht, wie Erickson meint, durch Europa), und der Legende nach soll Rainer gerade in Berlin gewesen sein, als der Reichstag brannte. Als Augenzeugin. Das braune Unheil zog auf, und mit ihm natürlich der Drang, die Heimat schnell zu verlassen. Da kam der Talente-Scout namens Bob Ritchie samt seines Vertrags-Angebotes beim Studio mit dem "brüllenden Löwen" wie gerufen (der sollte indes ursprünglich eine ganz andere Mimin beobachten); METRO-GOLDWYN-MAYER war in den Dreißigern der klare Branchen-Krösus von "Tinseltown". Weit weg von den Juden-jagenden Nazis. Ihre Eltern folgten nach - viele Mitstreiter der Künstler-Szene schafften das bekanntlich nicht: Richard Fall, der Film-Komponist von Sehnsucht 202, kam Anfang 1945 im KZ Auschwitz um, Regisseur Gerron bereits im Oktober 1944 an gleicher grausiger Stätte.

Ihr Einstand in einer kalifornischen A-Produktion - ein Zufall. Denn ursprünglich war die renommierte Myrna Loy für den Part neben William Powell in Escapade von Robert Z. Leonard vorgesehen, einem romantisch-verspielten Remake des Austria-Erfolgs Maskerade von 1934. Loy, damals dank des Detektiv-Hits Der dünne Mann (1933, mit Powell) ein absoluter Top-Star der Gesellschaft des mächtigen Louis B. Mayer, war für jeden "Zicken-Krieg" zu haben, focht aber hauptsächlich gegen eine gewisse Typisierung und wohl auch um mehr Dollars. Das ging dank der Allgewalt der Bosse nicht immer gut. Powell seinerseits war ziemlich brüskiert, neben einem unbekannten "Import" auftreten zu müssen, soll sich aber hinterher recht lobend geäußert haben; das Englisch war Luise Rainer übrigens in einem 6-monatigen "Crash-Kurs" von der US-Aktrice Constance Collier beigebracht worden, während sie den Tipp für die Rolle - nach ihrer Ankunft war sie von M-G-M bezahlt, aber zunächst keineswegs eingesetzt worden - von der berühmten Drehbuch-Autorin Anita Loos während eines Strand-Spaziergangs erhalten haben soll. 1936 schließlich bekam Powell "seine" Loy wieder, als Partnerin im oppulenten 3-Stunden-Spektakel The Great Ziegfeld, ein hierzulande wenig bekanntes Biopic über den erfolgreichen Broadway-Direktor Florenz Ziegfeld, der sich aus armen Verhältnissen zu einem Giganten der New Yorker Schickeria emporarbeitete, sich mit der Französin Anna Held (Rainer) verheiratete, doch diese infolge seiner Triumphe gegen Billie Burke (Loy) eintauschte. Die Sequenz, in welcher die Düpierte ihrem Scheusal von Ex-Mann telephonisch zur Hochzeit mit der neuen Flamme gratuliert (und dies lächelnd, bevor sie heulend zusammenbricht!), gilt Experten wie Hal Erickson als "vielleicht berühmteste Telephon-Szene der gesamten Film-Geschichte" und war wohl Ausschlag-gebend für den Gold-Zwerg der Academy, denn ansonsten war die Wahl nicht ganz unumstritten - Irene Dunne, Norma Shearer und selbst Carole Lombard hatten als Co-Nominierte bisweilen größeren Einsatz zeigen müssen, und die Anna-Rolle war außerdem relativ klein ausgelegt. Die berühmte New Yorke Kritikerin Pauline Kael beschimpfte sogar den ganzen Film, schrieb von einem "Ding", das "unerklärlicherweise" als bester Streifen des Jahrgangs gekürt wurde.

Luise Rainer - das ist und bleibt OSCAR-Geschichte pur. David Thomson formulierte garstig: "Die unbeholfenen Gesten der Academy gegenüber jenen Leinwand-Stars, die unerklärlicherweise übergangen wurde - Cary Grant und (zu spät, weil nach seinem Tod) Edward G. Robinson - hatten zu dem Eindruck geführt, dass die OSCARs stets politische Ehrungen waren, die unter den großen Studios und ihren Stars aufgeteilt wurden. Doch die nähere Untersuchung der Gewinner-Listen offeriert eine bezaubernde Abweichung ..." Damit meinte der Brite die Rainer. Was gleich doppelt nicht hinhaut, denn bei den Damen-Ehrungen der späten Zwanziger und Dreißiger (sicher auch später, aber damals eben ganz besonders) spielte das Bett eine viel wichtigere Rolle als die Macht-Interessen Washingtons, die sowieso immer in Hollywood präsent waren und sind! Und fern jeglicher Politik kam auch unsere "Semi-Immigrantin" nicht über die Runden, doch dazu später. Die Auszeichnung für The Great Ziegfeld jedenfalls, vielleicht auch schon ein Jahr zuvor der Preis für Bette Davis, können als erste (relativ) ernstzunehmende künstlerische Entscheidungen angesehen werden; wie es zuvor zuging, schilderte u.a. ein Insider-Report des CINEMA-Autoren Elmar Biebl: "Sie waren die Größten. Vor und hinter der Kamera waren Douglas Fairbanks und Mary Pickford in den zwanziger Jahren von Erfolg verwöhnt. Beide waren an der Gründung der Akademie maßgeblich beteiligt. Als dann Janet Gaynor den ersten Academy-Preis erhielt, fand Mary Pickford, genannt 'American Sweetheart', dass auch sie gern so einen netten kleinen Gold-Kerl haben möchte. Ihr Mann war Präsident, also kein Problem: Schon im zweiten OSCAR-Jahr hatte sie ihr goldiges Schmuckstück in Händen. Irving Thalberg war Produktions-Chef von M-G-M und die rechte Hand von Academy-Gründer Louis B. Meyer. Als Mary Pickford einen 'Award' in Händen hielt, wollte Thalbergs Gattin Norma Shearer natürlich ebenfalls einen. Auch hier kein Problem ..." Auf Shearer folgte Marie Dressler (M-G-M), auf Dressler dann Helen Hayes (M-G-M). Biebl berichtet aber auch, dass die Bemühungen des Presse-Zaren Hearst und des Diplomaten Joseph Kennedy fehlschlugen, weil deren Lancierungen einen außerehelichen Charakter trugen: Marion Davis und sowie Gloria Swanson. Da schlug wiederum die Stunde der Moralisten.

Genau das wurde die Spezialität Luise Rainers - die gehörnte, ihre Liebe opfern müssende Gattin. Von Anna Ziegfeld bis zur chinesischen Bäuerin O-Lan Lung war es nur ein kleiner Schritt, inhaltlich bezüglich der Leidens-Komponente eigentlich gar keiner. Dass sie nie etwas für Makeup übrig gehabt haben soll, wie gelegentlich kolportiert, kann da nur eine Legende oder aber aufs Private bezogen sein; selbst eine der Frauen des damaligen Diktators Chiang Kai-shek (1887-1975) soll ernsthaft verblüfft darüber gewesen sein, dass diese tragische Frauen-Figur aus dem Reich der Mitte nicht von einer Landsmännin interpretiert worden war (die es ja damals in Hollywood etwa in Gestalt von Anna May Wong durchaus gab). Die gute Erde ist eine heutzutage vergessene Top-Produktion jener Dekade, basierend auf einem PULITZER-gekrönten Roman der Autorin Pearl S. Buck (1931 erschienen) und auch um eine verbesserte Sicht Amerikas auf die Riesen-Nation im Asiatischen bemüht. Zugleich war es die letzte Produktion des renommierten Produktions-Chefs Irving Thalberg, der mitten in den sich über rund vier Jahre erstreckenden Arbeiten am Epos 37-jährig an den Folgen einer Lungenentzündung verstarb. Begonnen nämlich hatte das Unterfangen - lange vor Rainers US-Ankunft - damit, dass M-G-M nach Erwerb der Rechte eine Expedition unter Leitung des Regisseurs George W. Hill nach China beorderte. Auch hier muss dem deutsch-sprachigen WIKIEPDIA widersprochen werden, das behauptet, der 1934 infolge eines Unfalls per Selbstmord aus dem Leben geschiedene Hill sei wegen "eines ganz anderen Films" entsandt worden. Bei Pauline Kael - und die sollte es besser wissen - las sich das so: "M-G-M beorderte eine Expedition nach China, die mit geschätzten 600 Kilometern atmosphärischer Aufnahmen zurückkam und 18 Tonnen an Kleidung, asiatischer Tiere, abgebauter Farm-Häuser sowie einen ländlichen Schrein. Dann wurden in Kalifornien 500 Acre landschaftlich umgestaltet und mit einer Terrasse versehen, um ein chinesisches Bauern-Gut zu simulieren, Heuschrecken wurden gemietet ..." Hollywood war in jenen längst vergangenen Tagen jedem Superlativ weitaus näher als der neuzeitliche "Burdsch Chalifa" dem Himmel über Dubai ...

Und der ganze Aufwand für einen zumindest hierzulande völlig vergessenen Streifen - deshalb auch die ausführlicheren Anmerkungen dazu. Erzählt wird vom ärmlichen Bauern Wang Lung (gespielt vom ebenfalls kaum noch erinnerlichen Star der Dreißiger Paul Muni), der sich nur die unattraktive, aber sehr fleißige O-Lan zur Frau nehmen kann. Eine Dürre zwingt die schnell gewachsene Familie in eine Stadt im Süden; dort kommt sie durch Plünderung von Juwelen während der Revolutions-Wirren zu unerhofftem Reichtum. Wang ändert sich zunehmend und nimmt zum Entsetzen O-Lans die Konkubine Lotus (Tilly Losch) bei sich auf. Erst eine Heuschrecken-Plage bringt ihn wieder zu Sinnen, aber da ist es für O-Lan schon zu spät ... "Eine melodramatische Moral-Predigt", befand Kael, und ihr weithin bekannter angelsächsischer Kollege Leslie Halliwell vergab drei seiner begehrten Sterne, lobte das "historisch Wertvolle" der Prestige-Produktion, die für damalige Verhältnisse keineswegs billige 2,8 Mio. Dollar kostete und zu großen Teilen auf der Iverson-Ranch im kalifornischen Chatsworth entstand, die schon damals viel bekannter als Kulisse der Billig-Western der REPUBLIC war.

Doch nun zurück zu Luise Rainer. Die eigentlichen Aufnahmen zur Gute Erde hatten schon am 28. Februar 1936 begonnen (noch bevor Ziegfeld im März in die Kinos gekommen war), was sehr vermutlich das große Glück der Aktrice war. Der Tag, der ihren schnellen Niedergang einleiten sollte, würde erst der 4. März 1937 sein. Da wurden im "Biltmore Hotel" zu Los Angeles - damals noch im Bankett-Ambiente - die Academy-Auszeichnungen verliehen. Für das Vorjahr, wie üblich. Über diesen merkwürdigen Abend gibt es bezüglich der Rainer die tollsten Episoden. Erickson behauptet, sie habe sich geweigert, überhaupt zu erscheinen, falls ihr Sieg nicht schon vorher feststand. Was schon damals schlecht möglich war (auch wenn Mayer auf Drängen Powells seine Angestellten - in der einzig und allein stimmberechtigten Academy in der Überzahl - ganz sicher entsprechend instruiert hatte; der eitle Mime verstand sich gut mit dem Machthaber und hatte Rainer nur unter der Bedingung in Escapade akzeptiert, dass Mayer sie zum Star aufbaut, was ja auch kurz-zeitig geschah). Der METRO-Allgewaltige soll vor Wut geschäumt haben und das Erscheinen der Darstellerin regelrecht befohlen haben. Die kam dann, mit laut Erickson katastrophaler Frisur, und eine andere, sich der Mode bei den OSCAR-Galas widmende Quelle behauptet sogar, Luise Rainer habe aus Mangel an entsprechenden Kleidern ein Nacht-Gewand getragen, sie mit den Worten zitierend: "Das war das hübscheste Kleid, das ich besaß." Dichtung oder Wahrheit - das lässt sich hier kaum auseinanderdefinieren. Schlimmer war wohl ein anderes Faktum, dass hier hineinspielte: Seit dem 8. Januar des gleichen Jahres war sie mit dem Schriftsteller Clifford Odets verheiratet, der damals noch unbedeutend war und alsbald den Erfolg seiner Gemahlin neidete, was zu einer ebenso spannungs-geladenen wie kurzen Ehe führte. Vor allem aber war Odets überzeugter Kommunist, und das konnte das extrem konservative Etablishment überhaupt nicht vertragen. (Selbst wenn offiziell dementiert wird, dass es vor der eigentlichen Kommunisten-Jagd in der zweiten Hälfte der Vierziger zu Übergriffen der Studio-Bosse gegen KP-Angehörige oder -Sympathisanten gekommen sein soll: Es gab vor den "Schwarzen Listen" halt subtilere Methoden, unliebsames Personal unliebsam zu behandeln.)

Dadurch wird auch erklärbar, warum der anerkannte polnische Historiker Jerzy Toeplitz ein so humanes Meisterwerk wie Die gute Erde in seiner an Umfang reichen "Geschichte des Films" mit keiner Silbe erwähnt, aber seine Protagonistin im Zusammenhang mit der vom ebenfalls links-gerichteten Dokumentaristen Joris Ivens ins Leben gerufenen Gesellschaft CONTEMPORARY HISTORIANS Inc. erwähnt, die nur einen einzigen Film produzierte, dafür aber einen voller propagandistischer Wirkung: The Spanish Earth. Vor Allem diese Verbindungen der ihrerseits kaum kommunistisch zu nennenden Jüdin veranlassten Mayer, seinen "Kometen" schnell in die Galaxis zurückzubeordern; die folgenden Aufträge waren - auch bedingt durch Thalbergs Tod, der einen ganz anderen Geschmack als Mayer bevorzugte - nur noch Walzer-lastiges Mittelmaß: The Emporer's Candlestick (1937, wieder mit Powell), The Toy Wife (1938, mit Melvyn Douglas), The Great Waltz (1938, mit Fernand Gravet als Johann "Schani" Strauss). Selbst Ernsteres wie Big City (1937) mit Spencer Tracy verblasste - in ganz Hollywood grassierte ohnehin das Vom Winde verweht-Fieber. So blieb nur die cineastische Fußnote, dass Tracy in eben jenen Jahren der Rainer folgte, als Erster zweimal hintereinander erfolgreicher Bester Schauspieler männlicherseits wurde (freilich nicht für Big City, sondern dem kurz zuvor abgedrehten Captain Courageous, gefolgt von Boys Town).

Als Luise Rainer gegen diese Stereotypisiereung intervenierte und bessere Parts wie etwa den der Marie Curie einforderte (1943 dann von Greer Garson interpretiert), platzte Mayer der Kragen, und ihr offensichtlich noch mehr. Dem englischen INDEPENDENT erzählte sie den mehrfach kolportierten Dialog im Vorjahr aus der Alters-Perspektive (jedoch geistig noch vollkommen auf der Höhe) so: "Mayer sagte, 'ich hörte, dass sie mich verlassen wollen', und ich sagte 'ja', und er erwiderte, 'nun gut, wir haben sie erschaffen und wir werden sie auch auslöschen' (als die höflichere Übersetzung; das originale 'kill' könnte man theoretisch auch mit 'töten' übersetzen/d. Red). Und ich sagte, 'Mister Mayer, nicht Sie haben mich erschaffen, sondern Gott. Und ich möchte ihnen mal was erzählen: Sie sind ein alter Mann und ich eine junge Frau - Sie sind tot, wenn ich noch voller Leben bin und tun kann, was immer ich will. Er war sehr verärgert. Ich ging hinaus. Fertig." Eine mutige Gangart für eine Frau, die an der Pazifik-Küste gemeinhin als "The Viennese Teardrop" gehandelt wurde - die "Wiener Träne".

Der Rest muss hier leider etwas forcierter zusammengefasst werden: Rainer ging zurück zum Theater, mit einem späten Broadway-Debüt in "A Kiss for Cinderella" im März 1942. Da war sie schon von Odets geschieden, pflegte Bekanntschaften mit dem Schriftsteller-Paar Henry Miller/Anaïs Nin, auch mit dem großen Albert Einstein, der französischen Regie-Ikone Jean Renoir, mit George Gershwin und sogar Albert Schweitzer. Warum sie für den gegen die Nazis gerichteten, vom tschechischen Widerstand handelnden PARAMOUNT-Streifen Hostages 1943 auf die große Screen zurückkehrte (letztmalig in Amerika), ist nie genau ergründet worden, sollte aber mit ihrem verstärkten Engagement während des fürchterlichen Welt-Brandes erklärbar sein - sie sammelte auch eifrig sogenannte "war bonds" (Kriegs-Anleihen), besuchte Truppen in Italien wie auch Nordafrika und setzte sich obendrein erst für ein US-Visa Bertolt Brechts und dann für eine Aufführung des "Kaukasischen Kreidekreises" in der Metropole "Big Apple" ein. 1945 ehelichte sie den Verleger Robert Knittel und ging mit ihm nach Europa; der bis zu seinem Tode im Juni 1989 anhaltenden Verbindung entsprang Tochter Francesca. Luise Rainer begann zu malen, war aber - völlig anders als beispielsweise die Garbo - einem Leinwand-Comeback durchaus nicht 100-prozentig abgeneigt: Ein Mitwirken in Federico Fellinis Das süße Leben von 1960 scheiterte allem Vernehmen nach nur, weil das Skript eine für sie völlig ungewohnte Bett-Szene mit Marcello Mastroianni vorsah - Fellini habe mit sich nicht über eine Änderung der eigens für sie entworfenen Sequenz (!) verhandeln lassen. Nicht die einzige liegengelassene Chance: Sogar für Wem die Stunde schlägt soll 1943 ein Angebot vorgelegen haben - das aber ist nicht verifiziert und klingt wenig glaubwürdig in Anbetracht der dann besetzten, weitaus populäreren Ingrid Bergman. Im hohen Alter wird sie seufzen: "Gott oder wer auch immer hat mir so viel Talent in die Wiege gelegt, und ich bin dem nicht gerecht geworden. Längst wohnt sie in bester Lage am Eaton Square zu London (seit 1992), wo zuvor die ebenfalls 2-fache OSCAR-Gewinnerin Vivien Leigh (bis 1967) logiert hatte; ein philippinisches Hausmädchen umsorgt die biblisch alt-gewordene Dame. Und sie gibt fleißig Interviews mit durchaus sehr intelligentem Untersatz.

Nicht jede ihrer Bemerkungen kann hier widergegeben werden. Der eingangs zitierte FAZ-Artikel war übrigens mit der Überschrift versehen: "Deutschland hat den Super-Star". Das ist bei Lichte betrachtet ein doppelter Schmarren, denn Deutschand hatte sehr viele (Kino-)Super-Stars, ehe das Hitler-Regime diese gloriose Elite vertrieb, die dann zu allem Unglück nach 1945 nicht einmal mehr in der Heimat willkommen war. Luise Rainer hatte seit 1935 kaum noch einen Bezug zu Schwarz-Rot-Gold, sieht man vom 1985 durch Richard von Weizäcker verliehenen BUNDESVERDIENST-KREUZ 1. Klasse ab. Oder von einer Mitwirkung am Experimental-Film Ralf Schmerbergs POEM - Ich setze den Fuß in die Luft und sie trug von 2003; hierbei wurden deutsch-sprachige Gedichte in entsprechende Bilder transferiert - die Kunst-beflissene Luise Rainer war in der auf Island umgesetzten Episode 6 ("Gesang der Geister") nach Johann Wolfgang von Goethe zu bewundern. Dass es unmittelbar nach dem Krieg ein Engagement am Berliner "Theater am Nollendorf-Platz" gegeben haben soll, wie in der von Kay Weniger verlegten riesigen Enzyklopädie behauptet, darf als unwahrscheinlich gelten. Damit hatten wir dann auch die letzte aller (fast) möglichen Quellen ausgeschöpft, denn das musste in diesem Fall sein; filmisches Material zur Aktrice ist kaum vorhanden ("amazon.de" bietet allerdings eine DVD Der große Ziegfeld an). Ein Zwiespalt, welcher der Geburts-Düsseldorferin gewiss gefallen würde. Vor nicht allzu langer Zeit besuchte sie die von einer Francesca Bowyer betriebene Website mit Titel "HOMESTYLE OF THE RICH AND GATED" und fragte nach ihrem glücklichsten Moment. "Glück", so Luise Rainer, "ist eine illusorische Sache. Ich würde sagen: Wenn ich in der Lage war, jemanden Glück zu schenken, dann vielleicht." Das hat die jetzt 100-Jährige in einer fernen Zeit ganz sicher getan. Trotz ihres ambivalenten Verhältnisses zur Schauspielerei allgemein und zur Illusions-Maschinerie Hollywood im Besonderen. Sagte sie laut IMDb einmal über den kalifornischen Moloch ihrer so kurzen wie erfolgreichen Laufbahn: "Mir kommt diese Stadt vor wie ein riesiges Hotel mit einer riesigen Tür - eine jener Drehtüren. Auf der einen Seite gehen die Leute hinein, mit erhobenem Haupt, und schon bald kommen sie auf der anderen Seite wieder heraus, hängenden Kopfes." Daran wenigstens hat sich wohl bis zum jüngsten Tag kaum etwas geändert auf unserer ach so "guten Erde" ...


'Oh Gott, dieser Artikel erschlägt mich ja fast ...' Nun ja, werte Mrs. Rainer: Ehre, wem Ehre gebührt. Und wenn's ums alte Hollywood geht, ist uns noch immer jede Recherche der Mühe und Plage wert ... (Fotos dieser Seite: Repro)













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