|
|
+++ Zum 80. Geburtstag des französischen Schauspielers PIERRE BRICE +++

So kennen ihn die Wenigsten: Pierre Brice neben Esteban Gollados (links) und Julián Matheos (rechts) als Halbstarker in dem spanischen Film >>Los Atracadores<< - jenem Werk, das den Mimen zur 1962er "Berlinale" brachte, wo dann Horst Wendlandt als Produzent der Karl May-Adaptionen auf den Franzosen aufmerksam wurde.
"ES IST SCHWER, EINEN UNBEKANNTEN BRUDER ZU LIEBEN" - PIERRE LOUIS LE BRIS
(sa-ex) Pierre Brice - Krieger unter den Schauspielern. Kurz vor seinem 80. Geburtstag verschreckte er den deutschen Boulevard mit der Aussage, dass ihm die Winnetou-Rolle eine erfolgreiche(re) Karriere gekostet habe und dass er überhaupt viel lieber beim Militär geblieben wäre, weil es dort Kameradschaft und gegenseitiges Helfen gegeben habe, was der Leinwand-Industrie völlig fremd sei. Starker Tobak, aber verständlich, wenn man sich die Person des Jubilars näher zur Brust nimmt und die wichtigen Passagen seiner Autobiographie "Winnetou und ich" richtig einzuordnen vermag. Dort liest und staunt man u.a. über folgende Sätze: "Ich war ein einsamer Träumer. Oft lag ich Stunden-lang im hohen Gras an der kleinen Kapelle von Lampaul und beobachtete das wimmelnde Treiben der Insekten um mich herum. Mein ganzes Leben lang werde ich mich an diese Augenblicke erinnern, an diese wunderbaren Tage, diesen Frieden, der so bedroht war. Wie schön war die Vorkriegs-Zeit! Ich würde keine andere mehr erleben, sondern nur noch Zwischenkriegs-Zeiten, Nachkriegs-Zeiten und erneut Zwischenkriegs-Zeiten."
Eine Geschichts-Fälschung, die es zu analysieren gilt. Brice meinte damit die Zeit kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in seine bretonische Heimat. Da war er Kind, und also hat er die Vorkriegs-Zeit als beglückend empfunden - dass es auch nur eine "Zwischenkriegs-Phase" nach dem von Frankreich gewonnenen I. Weltkrieg war, konnte der rund 10-Jährige nicht wissen. Und wenn er es wusste, ignorierte er es. Der Krieg, das Töten, wird seine reifere Jugend bestimmen. Schon der Vater trug Uniform: Erst als Matrose, später im Rang eines Offiziers der Marine. Fünfzehn Jahre lang, inklusive WW I. Dann beschloss dieser Louis Jean Marie Joseph le Bris, nach Einsätzen in Vietnam und dem Senegal, häuslich zu werden und heuerte bei der Eisenbahn-Gesellschaft S.N.C.F. an. Der Sohn, zunächst ein sehr guter Schüler, wird von Hitlers Weltmacht-Streben regelrecht überrumpelt. Nicht nur, dass aus Sicherheits-Bedenken die traute Brester Umgebung gegen ein Versteck in Lesneven eingetauscht wurde; nicht nur, dass Pierres Schwester Yvonne (zehn Jahre älter, was zu etlichen Spannungen führte) ihren damaligen Verlobten beim fatalen Angriff der Briten auf die Wehr-lose französische Flotte im Hafen von Mers-el-Kébir verloren hatte - nein, durch die Flut an Flüchtlingen war der Junior auch noch gezwungen, im anstehenden Gymnasium seine Lieblings-Fächer Französisch, Latein und Griechisch gegen die ungeliebten Hauptfächer Mathematik, Physik und Chemie einzutauschen. So wurde aus einem sehr guten Eleven ein mittelmäßiger. Und wenn je eine kriegerische Laufbahn aus psychologischen Gründen gerechtfertigt warm, dann die des "le Bris".
Ein Widerstreit mit dem Vater beförderte ihn nach dem Ende der Schule - parallel zur Befreiung Frankreichs - auf die Marine-Akademie: Louis wollte, dass "Pierrot" sein Abitur macht, während "Pierrot" lieber Architektur studieren wollte. Der Mittelweg hieß Loctudy und war ein großes wie hässliches Schloss direkt am Meer. Ausbildung zum Soldaten auf See, nicht ganz frei von Ungehorsam gegenüber Vorgesetzten. 1948 schließlich - auf freiwilliger Basis - Aufbruch mit dem Truppen-Transporter "Athos" nach Indochina; faktisch in des Vaters direkten Spuren, nur mit neuem Feind: Der kommunistische "Vietcong", von den Franzosen nur als "Viet Minh" tituliert. Wohl mehr als einmal blickt Brice dem Tod ins direkte Auge, auch wenn er den im Dschungel aus dem Hinterhalt agierenden Feind selten sieht. Am schlimmsten ist die Situation an Weihnachten 1948, als seine Einheit mit ausgegangener Munition im Tonkin-Delta festsaß und nur zufällig einen Funkspruch auffangende Fremdenlegionäre die Bedrohten zu retten vermochten.
Pierre Brice "drehte" das ganze Repertoire: Verwundungen, kurze Gefangennahmen. Und dennoch schwärmte er später: "Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass ich die schönsten Jahre meines Lebens erlebte. (Ironie der Film-Historie: So nennt sich ein William Wyler-Klssiker über amerikanische Kriegs-Heimkehrer aus WW II/d. Red.) Die schönsten, weil es die freundschaftlichsten, erhabensten und einsamsten Jahre meines Lebens waren. Die freundschaftlichsten, weil wir im Leben wie im Tod unter Kameraden waren. Die erhabensten, weil wir nie stolzer auf unsere Uniformen waren. Und schließlich die einsamsten, weil wir auf fernem Boden einen Kampf führten, von dem in unserer Heimat Frankreich nichts wissen wollte." Nach Ablauf seines Militär-Dienstes versuchte Brice sein Glück in Paris, zunächst jedoch ohne jeglichen Erfolg mit verschiedenlichsten Verkaufs-Jobs. Der Zufall wollte es, dass er in seinem Stammlokal "Capoulade" die Schwester einer Schauspielerin traf, die er zuvor schon auf der Bühne gesehen hatte. Im Gespräch stellte sich heraus, dass besagte Aktrice ein Auto erstanden habe, aber keinen Führerschein besaß. Das machte "le Bris" zum Chauffeur ... die ersten Schritte vom Krieger zum Mimen. Das erste Stück hieß wohl "Triple Galop", das erste Pseudonym (weil "le Bris" nun mal nicht funktionierte) Pierre Lebry. Lorbeer war damit kaum zu gewinnen, und der Schauspiel-Unterricht will finanziert sein: Also stolpert der zu allem Überfluss leicht introvertierte Schönling als tanzender Artist durchs nächtliche Treiben der Seine-Metropole und verdingt sich als Model. Es existiert sogar ein Brautmoden-Foto mit einer noch dunkelhaarigen Brigitte Bardot ...
Die Dinge laufen zäh, aber sie kommen in Fluss. Denn wie gesagt: Unglaublich attraktiv ist er, und das öffnet in solchen Kreisen durchaus die eine oder andere verschlossene (Schlafzimmer-)Tür. Beim Russen Grégory Chmara bekam er viele Tipps, und 1955 ziert sein Gesicht erstmals eine Leinwand-Produktion. Freilich nur kurz: In der Schmuggler-Klamotte Ca va barder von John Berry (in Deutschland: Harte Fäuste - heißes Blut) darf er Eddie Constantine die Tür aufhalten. Nach sich anschließdender 3-jähriger Kino-Abstinenz bringt auch André Cayattes Der Tag und die Nacht mit Michčle Morgan keinen Bahn-brechenden Fortschritt. Zusätzliche Probleme bereiten die Jung-Stars Alain Delon - er und Pierre Brice sehen sich damals sehr ähnlich - sowie Jean-Paul Belmondo, die beide vom Publikum sofort und weitaus enthusiastischer aufgenommen werden.
Aber Brice hat Glück: Der Bedarf an Abenteuern ist immens und strebt Anfang der 60er Jahre in neue Dimensionen - der Krieger darf wieder Krieg spielen, obschon jetzt ohne scharfe Munition. Im italienischen I cosacchi (dt. Der Aufstand der Tscherkessen) findet er sich 1959/60 wie durch ein Wunder ganz weit oben in der Besetzungs-Liste, als dritter männlicher Protagonist hinter Edmund Purdom und John Drew Barrymore. Sein Glück aber macht der Franzose aus Brest auf der 1962er "Berlinale". Dorthin war er als Hauptdarsteller des spanischen Streifens Los Atracadores eingeladen worden, ein Krimi der Marke "junge Wilde" in der Regie des wenig bekannten Francisco Rovira Beleta (1913-1999). Da saß "Pierrot" also mit seiner damaligen Freundin Francoise nach der Vorstellung auf der Dach-Terrasse eines Hotels, und am Nebentisch hatte sich der deutsche Produzent Horst Wendlandt niedergelassen, der längst das Drehbuch für Der Schatz im Silbersee in der Schublade hatte, aber bei der Suche nach dem geeigneten Winnetou zwar über einen Hawaiianer namens (kein Witz!) Makee Kaleikinipeapalekaikalawaiioopuna Blaisdell gestolpert war, aber eben noch nicht den richtigen unter Vertrag hatte. Brice zurückblickend und in der fälschlichen Vermutung, Wendlandt würde sich ausschließlich seiner Begleiterin widmen: "Ich fand es ziemlich unverschämt von dem Herrn, uns so unverhohlen anzustarren. Ich war eifersüchtig wie ein Tiger und bereit, ihn herauszufordern, aber Francoise hielt mich zurück." Leben heißt immer auch Krieg um Frauen.
Er tat gut daran, nicht zuzuprügeln, und er tat gut daran, seine Skepsis zu überwinden. Denn Brice hatte als Kind zwar James Fenimore Cooper und Jack London gelesen, aber nie etwas von Karl May gehört. Elfmal wird er infolge den Apachen-Häuptling in der direkten Karl May-Serie der Sechziger verkörpern, weitere Male in drei späteren TV-Nachläufern. Was genau zu seinen - eingangs zitierten - negativen Aussagen über diese Rolle führte, ist schwer nachzuvollziehen; mit Co-Star Lex Barker jedenfalls verstand sich der Franzose prächtig. So gut, dass beide eines Tages ein Auto-Wettrennen veranstalteten, das in einem Unfall endete, den Brice wie von Götter-Hand unverletzt überlebte. Leben heißt immer auch Krieg auf den Straßen.
Es ist sicher nicht unwahr, dass ihm die "sächsische Rothaut" (Karl May war bekanntlich Sachse) um eine brillantere Karriere gebracht hat. 56mal auf der Titel-Seite der BRAVO und gleich fünf BAMBIs - der Franzose wurde ein Star in Germanien, dass er als Kind doch so sehr hassen lernte. Leben heißt immer auch Krieg mit den vielen Schizophrenien dieser Welt. Brice widerspricht sich ja doch auch in seinen Erinnerungen an den Winnetou-Part - mal verdammt er ihn, mal beschönigt er ihn: "Heute bin ich meinem Publikum dankbar, das mich, trotz meines Wunsches, andere Rollen zu spielen, immer wieder bestärkt hat, weiter Winnetou zu sein" (2004). Aktuell eher eine Kehrtwende. Und, glaubt man dem Boulevard, eine interessante Einstellung zum Thema Tod; er sei neugierig darauf, ob und wie es danach weitergeht. So können nur Leute denken, die dem Sensenmann schon mehr als nur einmal gegenüberstanden. Krieger eben ...
Hier soll aus dem Helden der Deutsch-Western kein George Bush gemacht werden (den er übrigens Abgrund-tief ablehnte). Wir wollten lediglich ergründen, was diesen Pierre Louise le Bris aus Brest in der Bretagne zu den recht rustikalen Äußerungen in Bezug auf "Zwischen- und Nachkriegs-Phasen" animiert hat, die genauso pessimistisch klingen, wie sich unsere gegenwärtige Welt darstellt. Selbst noch das illustre Zitat ganz oben hat einen gänzlich anderen Hintersinn. "Es ist schwer, einen unbekannten Bruder zu lieben", meinte keine verwandschaftlichen Bande, sondern die in das elterliche Haus gedrungenen Nachrichten vom spanischen Bürgerkrieg. Schauspielern muss der Senior mit dem Unbekanntheits-Faktor in der französischen Heimat nicht mehr; nicht im sauerländischen Elspe, nicht im nord-deutschen Bad Segeberg, wo er seine verklärte Helden-Figur - ähnlich wie ein Gojko Mitic - ohne Kameras immer und immer wieder neu auflegte. Er ist seit 1981 mit der aus Bayern stammenden Hella Krekel verheiratet und bewohnt einen bäuerlichen Landsitz bei Paris. Die Ruhe sei ihm vergönnt, noch mehr jedoch, dass er nie wieder wird Krieger sein müssen. Das Zitat mit dem "Bruder" geht nämlich noch weiter: "Ich wollte nur eine unbeschwerte Zeit verbringen, lachen und singen, aber stattdessen pflanzte man mir eine Drohung ins Herz." Möge der Stachel zur wundersamen Musik Martin Böttchers gewichen sein ...
Pierre Brice mit "Partner" aus der 1997 entstandenen TV-Produktion >>Winnetous Rückkehr<<. (Fotos dieser Seite: Repro)
|
| |
Und also sprach
DAS DREHBUCH:
Yul Brynner: "Ich bin ein Verlorener."
Robert Fuller: "Rede doch keinen Unsinn, Chris. Jede gute Tat wird einmal belohnt."
(Aber wohl wirklich nur im Film - hier in Sach-
sen gibt's sowas nicht! Dialog aus >>Return of the Seven<< von Burt Kennedy; Szenen-Foto mit Fuller: sa-ex/TV.)
|
|
|
User online: 5 Heute: 20 Gestern: 153 Gesamt: 386556
|
|
|