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++ Zum 110. Geburtstag des amerikanischen Schauspielers JAMES CAGNEY ++

Dem "Shanghaien" gerade nochmal entkommen: James Cagney schmiedet in >>Frisco Kid<< Pläne der Rache.
LAST NIGHT IN A BARBARY COAST GAMBLING HALL, BAT MORGAN, A SEAMAN NEWLY ARRIVED IN TOWN, WAS THE VICTIM OF A VICIOUS AND UNWARRANTED ATTACK BY THE NOTORIOUS 'SHANGHAI DUCK'. FORTUNATELY, IN THE FIGHT, THE 'DUCK' WAS KILLED ..." (Zeitungs-Artikel aus Frisco Kid)
Die "Barbary Coast" heißt nicht deshalb so, weil sie Barbaren oder Heinos "Schwarze Barabra" meint, sondern leitet sich von den Berbern Nordafrikas ab, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert den Schiffs-Verkehr im Mittelmeer sowie an der marokkanischen Atlantik-Küste via Piraterie unsicher machten. (Den Übergriffen ein Ende bereitete übrigens die US-Marine beim - heute längst vergessen - ersten Auslands-Einsatz amerikanischer Streitkräfte überhaupt; im Mai 1805 beendet die Schlacht von Derna den sogenannten Amerikanisch-Tripolitanischen Krieg.) Die Geschichte des Vergnügungs-Viertels von San Francisco setzt erst etwas später ein. "Die 'Barbary Coast' war eine Nebenerscheinung von Sydney-Town - ein Gebiet zu Füßen von Broadway und Pacific Street, das früher von den 'Sydney Ducks' genannten australischen Immigranten bewohnt war. Das Areal war schon seit Ankunft der Australier ein Nährboden für Prostitution und Laster aller Art. Das Viertel erwarb sich seinen neuen Namen irgendwann um 1860 von den ebenso betitelten Küsten Nordafrikas, an denen arabische Piraten die Schiffe des Mittelmeers attackierten", schriebt das englische WIKIPEDIA und zitiert gleich noch einen Benjamin Estelle Lloyd mit seinem Bericht aus dem Jahre 1876: "Die 'Barbary Coast' ist der Treffpunkt des Abschaums und der Niederträchtigen aller Art. Der Kleindieb, der in Häuser Einbrechende, der Vagabund, der Zuhälter, lüsterne Frauen, Halsabschneider, Mörder - sie alle sind hier zu finden." Das soll jetzt nicht vertieft werden, sondern nur kurz einstimmen auf das Viertel, das nicht mehr im aktuellen US-Kino, sondern nur - und für kurze Zeit - in jenem der Dreißiger Jahre im Zentrum aufwendiger Produktionen stand. Der Stoff, aus dem die Träume sind, scheint "Barbary Coast" auch wirklich nicht zu sein; das Aufeinandertreffen zweier Glücksritter-Welten - jener der Matrosen und jener der Gold-Sucher - erbrachte in der Tat soviel Unrecht hervor, dass sich San Francisco jener unrühmlichen Tage in der Mitte des 19. Jahrhunderts verständlicherweise nur ungern erinnert. Einen Clint Eastwood 1971 als rustikalen Verbrechens-Bekämpfer Dirty Harry durch die kalifornische Metropole zu schicken, machte mehr Sinn.
Denn ein Blick in die Geschichte der Stadt offenbart, dass es mit vielen Dingen im Argen lag, auch mit den Mitteln der Gesetzeshüter. Im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit 1776 hatten spanische Geistliche die "Mission San Francisco de Asís" gegründet, in der sie die ursprünglich in der Bucht von San Franscisco lebenden Indianer vom Stamme der Yelamu zum christlichen Glauben bekehrten. Doch die unwirtliche Gegend - Nebel, Winde, starke Strömung, zerklüftete Landschaft - machte die heutige Welt-Stadt damals keineswegs attraktiv für die Einwanderungs-Massen, die von Pazifik-Seite her ins "gelobte Land" strömten. Erst ein Unternehmer namens William A. Richardson sorgte für die erste Ansiedlung außerhalb der Mission (zu der auch ein kleines Militär-Fort gehörte); er war übrigens ein Brite mit mexikanischer Staatsangehörigkeit, sonst hätte er seine Aktivitäten wie Verkauf von Trinkwasser an die einlaufenden Schiffe oder den später vorgenommenen großzügigen Land-Erwerb kaum realisieren können - Kalifornien war seit 1821 mexikanisches Territorium (zuvor Vize-Königreich Neu-Spanien). Alle Bemühungen Richardsons in puncto Planung einer Stadt hätten kaum gefruchtet, wäre es nicht 1848 zum legendären Gold-Rausch gekommen, ausgelöst durch Funde 80 Kilometer nördlich von San Francisco (das bis 1847 "Yerba Buena" geheißen hatte). Dadurch explodierte die Bevölkerung von 1000 im Januar 1848 auf 25000 im Dezember 1949; die Zahl der in der Region nach den Nuggets Suchenden wird übrigens mit 300000 beziffert.
Dass in einem solchen hektischen Klima das Verbrechen und die Korruption boomte, war logisch - das Militär konnte definitv nicht helfen, war es doch in den Krieg mit Mexiko verwickelt, der schließlich zur Eingliederung Kaliforniens in die Vereinigten Staaten anno 1850 führte. Weil Recht und Gesetz aus den Fugen geriten, rekrutierte sich im Juni 1851 eine bewaffnete Bürgerwehr ("Committees of Vigilance"), die sich nach einer ziemlich drastischen Säuberungs-Aktion schon im September des gleichen Jahres wieder auflöste. Eine Wiederbelebung erfolgte im Mai 1856, erneut nur für drei Monate (bis zum 11. August); danach ging ein Großteil der Vigilanten - die während ihrer beiden "Amts-Zeiten" insgesamt acht Personen erhängten und zahlreiche Politiker zur Aufgabe ihres Amtes zwangen, aber auch für Übergriffe auf Immigranten berüchtigt waren - in der sogenannten Volks-Partei auf, einem Vorläufer der Demokratischen Partei der Vereinigten Staaten. Die Bürgerwehr habe, so schreibt die englische Ausgabe der Internet-Enyklopädie WIKIPEDIA, "wohl mehr Gesetzlosigkeit geschaffen als eliminiert". Kein Wunder also, dass die eigentlich abenteuerliche Geschichte der "Barbary Coast" relativ wenige Drehbuch-Autoren inspirierte. In den weiten des Wilden Westens die Haar-genau gleichen Storys abzulichten (siehe Raoul Walshs Silver River u.v.a.), war kein Problem - hier aber, so scheint es aus der fernen Perspektive, würde auch die Eitelkeit der Großstädter empfindlich verletzt werden, zumindest in Bezug auf kriminelle Phänomene aller Art. Natürlich war und ist "big city" der ideale Schauplatz fürs Verbrechen, aber bitte nicht in historischem Kontext und bitte nicht als gebündelte Massen-Erscheinung. Als Martin Scorsese anno 2002 seine Gangs of New York vorlegte, waren wohl nicht wenige Mitteleuropäer über das Gezeigte überrascht; diese dunklen Flecken der amerikanischen Gangster-Historie waren wirklich größtenteils unbekannt. Einer wie Scorsese sorgte für Klarheiten.
Gleiches war von einem Lloyd Bacon nicht zu erwarten, selbst wenn das Studio, für das der versierte Regisseur von 1926 bis 1949 arbeitete, in den Dreißigern durch den Realitäts-Sinn seiner unzähligen Krimi-Klassiker begeisterte. Frisco Kid von 1935 ist keine Genre-typische Verbrecher-Saga, eher eine "Soft"-Variante mit Bezügen zu historischen Fakten. Denn die gegen Ende des Films vorgenommene Hinrichtung des Spielhöllen-Besitzers Paul Morra und des ebenfalls eines Mordes überführten Politikers James Delay durch die Bürgerwehr dergestalt, dass sie direkt vom Fenster des in einer ersten Etage gelegenen Versammlungs-Saales der Vigilanten-Jusitz in den Tod befördert werden, findet ihre Entsprechung auf überlieferten Zeichnungen von 1856, welche die Erhängung von Charles Cora und James P. Casey am 22. Mai des Jahres auf eben diese höchst ungewöhnliche (Fenster-)Weise zeigen. Die Anklagen selbst standen auf wackligen Füßen - speziell im Fall Cora, der einen U.S. Marshal tötete, welcher im angetrunkenen Zustand Coras Geliebte beleidigt hatte; Casey - selbst Herausgeber der SUNDAY TIMES - hatte den Verleger des konkurrierenden EVENING BULLETIN auf dem Gewissen, der dessen Vorstrafen-Register aus New Yorker Tagen veröffentlichte. (Der am 17. November 1855 getötete Gesetzeshüter hieß übrigens William H. Richardson, hatte indes nichts mit dem vormals erwähnten Gründer-Unternehmer zu tun, welcher am 20. April 1856 verstarb.) Caseys Mord an einen "Kollegen" namens James King of William - geschehen am 14. Mai 1856 (King starb sechs Tage später) - führte überhaupt erst zur Reaktivierung der Bürgerwehr. Der damalige Bürgermeister James Van Ness soll beim Gouverneur J. Neely Johnson um Streitkräfte ersucht haben, um die Exekutionen zu verhindern, jedoch vergebens. Interessant in diesem Zusammenhang die Geschichts-Schreibung: "Die Illegalität und Brutalität der Vigilanten sei notwendig gewesen, um Recht und Ordnung in der Stadt herzustellen", so die englisch-amerikanische Internet-Enzyklopädie. Und das "San Francisco Museum" hält in seinem Internet-Auftritt den ermordeten Marshal (damals noch für das relativ kleine Gebiet von Nord-Kalifornien; Marshals waren eigentlich - wir wissen aus den Western - nur für Städte zuständig, hingegen die Sheriffs für größere Gebiete) für "a brave and honorable man, and beloved by all". Übersetzung überflüssig, aber halt ein Beleg dafür, dass Geschichts-Schreibung seit jeher mit den Gemeinheiten des jeweiligen Autors konkurriert.
Der Ausflug in die Abgründe muss erlaubt sein. Meister-Regisseur Sam Peckinpah reagierte auf jene Kritiker, die ihm eine Verherrlichung von Gewalt vorwarfen, eher lakonisch mit dem Verweis darauf, dass die Vereinigten Staaten schon immer auf Gewalt basierten. Und so war es dann auch wirklich überall: Von den Docks in New York bis zum Vergnügungs-Viertel in "Frisco", nicht zu vergessen die zwischen diesen Polen "gestaltete" Ausrottung einer ganzen Ureinwohnerschaft. Zum Anderen aber bezieht sich Lloyd Bacons Film Frisco Kid eben auf dieses Vorkommnis, änderte eigentlich nur ein paar Kleinigkeiten - wie eben die Namen, den Titel der Zeitung, die Jobs der Erhängten - und gruppierte das Ganze um die Story des Emporkömmlings Bat Morgan (James Cagney). Der soll eigentlich auch vom "Committees of Vigilance" aufgeknüpft werden, darf sich aber der Rettung in letzter Sekunde durch eine gesellschaftlich gewichtige Frau, Jean Barrat (Margaret Lindsay) erfreuen. Bis es soweit ist, vergehen 77 Zelluloid-Minuten - eine erstaunlich kurze Dauer für einen eigentlich epischen Stoff. Doch der häufig zu lesenden Begründung, Frisco Kid sei ehedem nur eine schnelle Antwort auf den im selben Jahr gedrehten Howard Hawks-Streifen Barbary Coast (mit Edward G. Robinson in der Hauptrolle) gewesen, kann entschieden entgegengetreten werden: Die aufwendigere und mit 91 Minuten auch längere Produktion der SAMUEL GOLDWYN PICTURES (verliehen von UNITED ARTISTS) kam am 13. Oktober 1935 in die Kinos - da waren die Dreharbeiten zu Frisco Kid längst im Gange wenn nicht gar abgeschlossen, denn WARNER BROS. startete das Projekt gegen Ende August und brachte es - Fließband-fleißig, wie das Studio nun einmal war - bereits am 30. November auf die US-Screens. Wenn überhaupt, dann war mal wieder der gefräßige Studio-Neid für die dichte Aufeinanderfolge beider Premieren verantwortlich; im Hollywood blieb trotz Festungs-ähnlich abgeschotteter Firmen-Gelände selten ein Geheimnis geheim - plante diese Gesellschaft einen "blockbuster" zu einem bestimmten Thema, zog die andere umgehend nach. Wie genau das funktionierte, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit; am Wahrscheinlichsten ist die Vermutung, dass die unterschiedlichen (aber wenigen guten) Drehbuch-Autoren untereinander trotz gewiss von den Mächtigen ausgegebener Verbote regelmäßige Korrespondenz über ihre aktuellen Aufträge hielten. Und die Schauspieler feierten zu jener Zeit obendrein bei jeder Gelegenheit rauschende Partys, auf denen spätestens nach dem dritten Whiskey und/oder Champagner alle auferlegte Diskretion über Bord gegangen sein dürfte ...
Von Bord geht James Cagney ganz zu Beginn von Frisco Kid, dessen Skript - um das Thema abzurunden - von den renommierten Warren Duff (1904-1973) und Seton I. Miller (1902-1974) verfasst worden war. Duff war in San Francisco geboren, aber am New Yorker Broadway groß geworden; als seine bleibendsten Leistungen gelten die (mit anderen Schreibkräften geteilte) Vorlage zum Klassiker Angels with Dirty Faces (dt. Chikago) von 1938 und die Produzenten-Tätigkeit beim erstklassigen Jacques Tourneur-Thriller Out of the Past (dt. Blondes Gift) aus dem Jahr 1947. Miller war Anfang der Dreißiger mehrfach für starke Hawks-Klassiker wie Scarface aktiv gewesen (auch das übrigens eine Möglichkeit der "Ideen-Übetragung"), erreichte seinen Höhepunkt 1941 mit dem OSCAR für die hierzulande weniger bekannte Alexander Hall-Komödie Here Comes Mr. Jordan (dt. Urlaub vom Himmel) mit Robert Montgomery und Evelyn Keyes. Nun aber genug der Notizen am Rande. Cagney alias Morgan kommt also nach "Frisco", um Gold zu suchen. Vor seiner Ankunft in einer Spelunke aber wird eine Gesprächs-Runde in selbiger gezeigt, worin sich ein Kapitän über Schwierigkeiten beim Finden einer Besatzung für seine nächste Fahrt beklagt; die am Tisch Sitzenden, sich später als Spießgesellen des gefürchteten "Shanghai Duck" entpuppend, beruhigen den Besorgten; mit Hilfe der Methode des "Shanghaien" werde das schon klappen. Dieses Verb gibt es in keiner Übersetzung, hat aber durchaus seinen tiefen Sinn. Und wird schon in einem dem Vorpsann nachgelagerten Einleitungs-Text vage erläutert. Darin ist zu lesen: "San Francisco - 1854. Eine phantastische Stadt, in der es von Minen-Arbeitern, Spielern, Abtrünnigen und jenen Pionieren wimmelt, die sie erbauten. Ein Hafen voller verlassener Schiffe, für die das 'shanghaing' die einzige Möglichkeit war, eine Beatzung zu bekommen ..." Das sah dann so aus: Morgan kommt in die Kneipe, verrät sich als Gold-Sucher, bestellt sich was zu Trinken, wird vollgepöpelt und entledigt sich nur mit Mühe den Belästigern. Die Treppe hinauf zum gemieteten Zimmer wird zur Treppe hinab, denn er bekommt von hinten einen Schlag auf den Schädel und erwacht erst in einem Boot, das ihn in nebliger Nacht zu einem unbekannten Schiff bringen soll - dies bedeutet (wie später noch erläutert wird), dass die Gekidnappten den Rest ihres kümmerlichen Daseins mehrheitlich vor Asiens Küsten - deshalb "shanghaien" - verbringen werden; wenn man so will, ist das also die außergewöhnlichste Form von Sklaverei, weil Weiße davon betroffen waren.
Unser Held erwacht und überwältigt seinen Entführer, landet dann angeschlagen am ähnlich der Kneipe konstruierten Strand-Haus (mit dem Ufer direkt darunter) eines friedfertigen Juden namens Solomon Green (George E. Stone), der ihn über die örtlichen Machenschaften aufklärt und auch ordentlich aufpäppelt, bis sich Morgan an "Duck" rächen kann. Das gelingt jedoch nur zum Teil; als der Spielhöllen-Eigentümer Paul Morra von den "Schlag-fertigen" Fähigkeiten Morgans - der die Jagd nach Gold aufgegeben hat und sich lieber Dollars beim Glücks-Spiel verdient - überzeugt ist, bietet er ihm einen Teilhaber-Job an. Schnell erkennt das pfiffige Bürschchen die ungeahnten Verdienst-Möglichkeiten in der Branche und streckt seine Fühler in Richtung des korrupten örtlichen Politikers James Delay (Joseph "Joe" King) aus, um die Etablissements noch einladender zu gestalten. "Das ist ja die Gefahr, dass sie die Spielhöllen so atrraktiv machen, dass sie auch anständige Leute anziehen", sagt denn auch der angesehene Richter Stephen Crawford (Robert McWade) zu seinem Begleiter Charles Ford (Donald Woods) während eines Bummels durch die "Barbary Coast". Die beiden eleganten Herren werden zugleich Zeuge jener Szene, in welcher Morgan heimtückisch von "Shanghai Duck" angefallen wird und ihn im harten Zweikampf erwürgend tötet.
Ganz "Frisco" feiert Morgan als Held; selbst die örtliche Zeitung - und Charles Ford ist der ebenso junge wie forsche Lokal-Redakteur der S.F. TRIBUNE - widmet dem Vorfall gebührende Aufmerksamkeit: "Gestern Abend wurde der erst neulich in der Stadt angekommene Seemann Bat Morgan das Opfer eines brutalen und ungerechtfertigten Angriffs des berüchtigten 'Shanghai Duck'. Zum Glück wurde 'Duck' während des Kampfes getötet. Doch charakterisiert diese ohne Grund erfolgte Attacke vollumfänglich, wie die Bewohner der 'Coast' Recht und Gesetz missachten", steht in der eingeblendeten Kolumne zu lesen. Frisco Kid ist auch eine Story über den Journalismus in längst vergangenen Tagen, auch wenn uns dieser Parallel-Plot nichts außergewöhnlich Neues offenbart - Übergriffe auf mutige Autoren (bei den lüsternen Amerikanern mitunter als "crusading journalists" tituliert: Schreibkräfte als "Kreuzritter" gegen das Böse, wobei "crusading" auch schlicht als "kämpfend" zu übersetzen geht) kennt der Cineast aus etlichen Western, auch aus der Periode der "goldenen" Dreißiger. Ziemlich am Anfang führt der Plot sowohl Redakteur Ford als auch die schöne Jean Barrat (Margaret Lindsay) als Herausgeberin der TRIBUNE ein; man muss da im Englischen höllisch aufpassen, weil "editor" beide doch recht unterschiedlichen Presse-Aufgaben meint. Ford soll das Werk von Barrats Vater fortsetzen, der seinen Wahrheits-Mut mit dem Leben bezahlte. Das tut er dann auch im Fortgang des Geschehens recht forsch.
Doch zurück zu Morgan, der nun - stets begleitet von "Solly" Green - den Ruhm nicht nur genießt, sondern prompt zu seinen Gunsten ausnutzt. Schnell entwickelt er den Plan einer eigenen Spiel-Halle, um sich von Morra unabhängig zu machen; er tauft den mondänen Palast auf den Namen "Bella Pacific" (im oben zitierten Hawks-Film, in dem es auch um einen ähnlichen Besitzer geht, heißt das Etablissement "Bella Donna"). Der windige Daley wird halb willig, halb unwillig in die Geschäfte und dafür nötigen Genehmigungen hereingezogen. Und kleinere Kneipen-Besitzer werden gezwungen, mitzuspielen - Widerstand wie im Fall von "Spider" Burke (Barton McLane) wird mit unsanfter wirtschaftlicher Gewalt niedergerungen. Das Geschäft blüht, aber Morgan, sich nunmehr voll elegant kleidend (ein herrlicher Gegensatz zur biederen Matrosen-Kuft am Anfang), fehlt eigentlich nur das private I-Tüpfelchen. Das zu erlangen ist freilich ungemein schwer, denn die Begehrte ist ausgerechnet Jean, und die sträubt sich trotz zahlreicher "Anbaggerungen" vehement gegen den ihrer Meinung nach einer völlig anderen Kaste angehörenden Morgan, der trotz seines Reichtums die primitive Herkunft weder verleugnen will noch kann. Außerdem mag sie natürlich ihren Haus-Redakteur mehr (auch wenn das im Film nur geringfügig angedeutet wird).
Die Konflikte spitzen sich zu, als Ford den miesen Politiker Delay mehr und mehr öffentlich angiftet. Mehrmals planen die Halunken aus Morgans näherem Umfeld einen Anschlag auf das Leben des Zeitungs-Menschen, doch der "Big Boss" ist entschieden dagegen, auch wenn die zunächst aufgekeimte Freundschaft zu Ford längst große Risse bekommen hat; schon um Jeans Sympathie willen duldet Morgan kein Attentat. Dennoch fädeln die Finsterlinge ein Duell ein, bei dem der des Schießens ungeübte Schreiberling auch noch hintergangen werden soll - Burke soll es sein, der eines frühen Morgens den bemitleidenswerten Ford ins Jenseits befördert. Morgan bekommt dank seines treuen "Dieners" Solomon Green in letzter Sekunde Wind von der miesen Sache und hindert Burke in seiner uncharmanten Hau-drauf-Manier (eine einfache Handkante genügt) am Schusswechsel. Dieser bekommt jedoch Gelegenheit zur Rache: Als Jean zu einem Nebeneingang der "Bella Pacific" will, um Morgan zu sprechen, folgt Burke hier und zielt mit dem Revolver auf Morgan, trifft und tötet allerdings nur den sich dazwischenwerfenden Green. Mit dem hübschen, von einem Juden-Stern verzierten Grabstein ist das Bösewichtertum aber längst noch nicht am Ende.
Der alternde Richter Crawford eröffnet zur Installation von Sitte und Kultur in "Frisco" eine Oper, schließt aber die Anwesenheit von Honorationen der "Barbary Coast" kategorisch aus. Wie er zuvor schon mit Jean Barrat "ins Gericht" gegangen ist, damit sie den Werbungen Morgans endgültig eine Absage erteilt. Da er ihr gerade einen unangemeldeten Besuch abstattet, nutzt der Weißbart die sich anschließende Gelegenheit (ohne Jean), um dem Spielhöllen-Betreiber jeglichen Umgang mit der Verlegerin zu untersagen. Der sitzt mehr und mehr in der Klemme, leistet sich und seinen Getreuen trotz Verbotes einen provokanten Besuch der Eröffnung des Kunst-Tempels. Durch einen Doppelmord eskalieren die Ereignisse: Die krude Aussperrung der Chefs im Vergnügungs-Viertel muss als willkommener Anlass herhalten, der TRIBUNE einen vernichtenden Besuch abzustatten; der publizistisch immer mehr in die Enge getriebene Daley erschießt Charles Ford. Und Morra, den der Film-Faden lange Zeit völlig aus den Augen verloren hatte, stürmt plötzlich mit seiner Angebeteten Belle (Lili Damita) ohne Eintritts-Karte die Oper und feuert auf Crawford. Jetzt ist das Maß voll.
Wie im historischen Original waren es diese beiden, freilich anders "inszenierten" Morde, die zur Wiederbelebung der umstrittenen Bürgerwehr führten. Und zur Untermalung des Umschwungs in tatsächlich Geschehenes entspricht der Rollen-Name des Wortführers der Verhandlungen, William T. Coleman (Addison Richards), einer authentischen Figur. Den gebürtigen Kentuckian hatte es 1849 nach San Francisco verschlagen, wo er in der Schiff-Fahrt und im Kommissions-Handel aktiv wurde und eben dem durchaus berüchtigten "Committee of Vigilance" vorstand, das sich ja immerhin erdreistete, den "Habeas Corpus" auszuhebeln, wonach Haft und Haftbefehle nur richterlicherseits angeordnet werden konnten. Dieser ziemlich radikale "Pionier" leistete sich im gleichen ominösen Jahr 1856 eine Filiale in New York, von wo aus er eine Dampfschiff-Linie nach "Frisco" schuf - übrigens ums Kap Hoorn, was 90 Tage dauerte. Darüber hinaus steckte er eine Menge Geld in die Erweiterung und Verschönerung der mittelgroßen kalifornischen Stadt San Rafeal (heute knapp 56000 Einwohner). Im Zuge des großen Eisenbahner-Streiks von 1877 organisierte er abermals inoffizielle Truppen, die im konkreten Fall allerdings nicht aktiv wurden. Coleman starb 69-jährig, nachdem er 1882 als Entdecker von Kalzium-Boraten im Death Valley einen nochmaligen Business-Wechsel gewagt hatte. Noch einmal Geschichts-Schreibung auf Amerikanisch: "Coleman was a man of honor a là William Tell, and he paid off all his creditors, but the struggle ruined his health, and he died on November 22, 1893" - "ein Mann der Ehre a là Wilhelm Tell (der Gelobpreiste schrieb sich in der Tat vollständig William Tell Coleman!), der alle seine Gläubiger befriedigte, doch die Anstrengungen ruinierten seine Gesundheit ..." Ach ja, und so manche Biographie ruiniert den gesunden Menschen-Verstand!
Mit Apfel auf dem Kopf agierte Allison Richard nicht; seine Rechts-Sprechung im Film ist klar, hart und eindeutig. Die Hinrichtung der beiden gefassten Täter ward ja schon ausführlich geschildert. Im Unterschied zur Leinwand-Version, in der eine jubelnde Menschen-Menge unterhalb der Fenster dem schaurigen Spektakel beiwohnt, ist dieser Platz direkt vor "Fort Gunnybags" (der Spitzname des illegalen Justiz-Palastes impliziert den Fakt, dass die Vigilanten zum eigenen Schutz eine Barrikade aus Sandsäcken vor dem eigentlichen Gebäude - ein Geschäftshaus für Spirituosen der Firma TRUETT & JONES in der Sacramento Street - errichtet hatten) auf den überlieferten Zeichnungen weitestgehend frei und von militärisch stramm angetretenen Vigilanten umstellt. Doch mit dieser Exekution war die Angelegenheit noch nicht vorüber: Coleman schickte sich sofort an, mit seinen Getreuen in das Vergnügungs-Viertel aufzubrechen, um gleich ein für allemal Ordnung zu schaffen. Dieser Straßen-Mob ist dann allerdings nicht historisch überliefert; es gab am Tag vor der Hinrichtung einen Auflauf von Massen, der sich indes an einem Waffen-Lager abspielte und neben der Verhaftung eigentlicher Verdächtiger zugleich ein Attentat von Komitee-Mitgliedern untereinander beinhaltete.
Der Dramatik des Films kommt jedoch die tobende Menge - und tatsächlich hielt die Bürgerwehr in diesen bewegten Tagen über 3000 Mann unter Waffen! - sehr gelegen. Bat Morgans Gefolgsleute suchen die offene Konfrontation, nur der Spielhöllen-Chef selber ist sich der Übermacht gewahr und will nicht weiter töten; als er sich gegen seine eigenen Männer positioniert, trifft ihn aus der ankommenden Meute eine Kugel von hinten. Trotz seiner Verwundung wird er wie die anderen Gefangenen vor das Tribunal geschleift: Während Coleman die breite Masse aus der Stadt mit dem Ratschlag verbannt, sich nie wieder hier blicken zu lassen, spricht er über Morgan das Todes-Urteil. Jetzt ist es Jean Barrat, die Partei für den Verurteilten ergreift, da sie ja mitbekommen hatte, dass dieser sich in letzter Instanz gewandelt hatte; Colemans Komitee lässt Gnade walten, und die beiden Hauptpersonen werden doch noch ein Paar ...
Es gibt wenige Kritiken zu Bacons Streifen. Jene von Hal Erickson für ALL MOVIE GUIDE ist obendrein mit so vielen Fehlern behaftet, dass man der Annahme erliegt, der wichtigste Historiker dieser wichtigen Quelle hat Bacons Arbeit gar nicht gesehen; bei ihm spielt die Handlung um die Jahrhundert-Wende, und Margaret Lindsays Presse-Verlegerin ist bei ihm eine "Debütantin seines Etablissements 'Nob Hill' namens Jean Barrat". Ericksons Fazit: "Der Film ist ein Festival voller Klischees, gelegentlich belebt durch Kneipen-Schlägereien und krawallige musikalische Nummern. In kleinen Nebenrollen treten mehrere Stars und Regisseure aus der Stummfilm-Ära auf - eine 'großzügige' Geste, die sich WARNER BROS. zum Teil erlaubte, um die Unvermeidbarkeit der gewerkschaftlichen Organisation der Schauspieler doch noch irgendwie abzuwenden." Auch für die letztere These gibt es bei genauer Betrachtung keine wirklichen Anhaltspunkte, jedenfalls in Bezug auf Stummfilm-Regisseure - der einzige Vertreter des Fachs, der in der langen Besetzungs-Liste ausfindig zu machen wäre, ist ein gewisser Edmund Mortimer (in einer nicht näher bestimmten Rolle), der tatsächlich zwischen 1918 und 1928 exakt 23 Streifen inszeniert hatte, darunter mehrere Filme mit Harry Carey sen. und John Gilbert (aber kein einziger davon für WARNER BROS.). Bei diesem Text also schien Freund Erickson einen schlechten Tag erwischt zu haben. Das kommt bei Fließband-Schreiberei schonmal vor ...
Frisco Kid ist ein typisches Fließband-Produkt. Das ist heilsam und Fluch zugleich, denn das WB-Studio florierte wie kein anderes mit höchstem Arbeits-Tempo auf akzeptablen Niveau. Andererseits hätte der Stoff der beschriebenen Vorgänge weiß Gott eine oppulentere, um nicht zu sagen epischere Aufarbeitung benötigt. Doch Jack und Harry Warner hielten wenig von übertriebenen Monumentismen, und schon gleich gar nicht, wenn nebenan das zweistündige Piraten-Abenteuer >>Captain Blood<< in Produktion gegangen war. Die Knappheit führt zu unübersehbaren Schwächen: Cagney-Morgans Aufstieg zu Macht und Reichtum wird in Briefmarken-Größe serviert, und Ricardo Cortez als Helfer und/oder Konkurrent des Helden verschwindet für lange Zeit vollkommen von der Bildfläche, ehe er bei der Opern-Eröffnung als Attentäter wieder auftaucht. Und dann ist ja auch immer wieder Cagneys schier übermenschliche Fähigkeit, jeden um noch so Vieles größeren bzw. stärkeren Gegner umzuhauen - das hebelt sämtliche Gewichts-Klassen im Boxen aus, war aber zugleich das Markenzeichen des Stars. (Und unterschied ihn von sämtlichen anderen Gangster-Gurus wie Edward G. Robinson - der selten mit den Fäusten agierte - über Paul Muni bis George Raft und Humprey Bogart). Auch in Frisco Kid schmunzelt der Betrachter stets aufs Neue, wenn das 1,69 Meter-Kerlchen nacheinander den bulligen Barton MacLane (später ein berühmter Western-Bösewicht) und dann auch noch "Shanghai Duck" Fred Kohler sen. mit purer Arm-Kraft niedermacht - Letztgenannter war in natura exakte 14 Zentimeter größer als Cagney. Hollywood schuf mit dieser Figur das Ideal-Bild des kleinen Kämpfers, der nicht nur gegen alle Instanzen zu rebellieren vermochte, sondern zugleich die ungeschriebenen Gesetze der Physis auskonterte. Gegen diesen Rabauken, über den Graham Greene einmal sagte, er würde "seine Gangster-Parts auf seinen leichten, als Berufs-Tänzer geschulten Füßen tanzen, mit schnell nervös werdenden Händen", musste die weibliche Protagonistin Margaret Lindsay beinahe etwas Zwangs-logisch verblassen. Beide agierten übrigens zum vierten (und letzten) Mal nebeneinander, ohne dass ein Traum-Paar zustandegekommen wäre. Dafür war Lindsays Karriere trotz etlicher starker Filme zu uneben; vermutlich kostete der Schönen aus Iowa ihre für damalige Verhältnisse relativ ungeniert ausgelebte Homosexualität den Star-Ruhm, den sie verdient hätte.
An vierter Stelle der "cast" - und darauf legen ja die Amerikaner seit jeher enorm viel Wert - war Lili Damita als Paul Morras Gattin "Belle" zu finden; das hängt eben mit besagtem Ranking bzw. Markt-Wert zusammen, denn Damita tritt noch seltener in Erscheinung als Ricardo Cortez, und der ist schon nicht häufig zu Gange. Weit mehr Anteile besitzt George E. Stone als Cagneys Kompagnon (oder treffender "sidekick") Solomon "Solly" Green, dessen jüdische Herkunft nach seiner Ermordung mittels eines übergroßen David-Sterns auf dem Grabstein gehuldigt wird. Es war dies eine der wenigen markanten Rollen des gebürtigen Polen, der in Hollywood von 1927 bis 1961 aktiv war, aber nur aus der frühen The Front Page-Version Lewis Milestones, aus dem Gangster-Klassiker Little Caesar (beide von 1931) und eben hier aus Frisco Kid erinnerlich blieb. Als Freund des legendären Journalisten und Autors Alfred Damon Runyon bekam er einen letzten schönen Kurz-Auftritt als blinder Bettler Shimkey in Frank Capras herrlicher Runyon-Adaption Pocketful of Miracles (dt.:Die unteren Zehntausend/1961); anno 1967 verstarb der einstige George Lichtenstein kurz nach seinem 64. Geburtstag. An solche vergessenen Koryphäen der zweiten und dritten Reihe soll in diesem Kontext immer mal wieder erinnert werden.
Wohlwollend ging ein Internet-Autor namens John Greco (für "Twenty Four Frames") mit dem von Samuel Bischoff produzierten Historikon um: "Regisseur Lloyd Bacon und seine Crew haben einen sorgfältigen Job bei der Schaffung der beißenden, von Nebel umschlossenen Atmosphäre der 'Barbary Coast' geleistet, und die Szenen mit dem hitzigen Lynch-Mob sind das Finale und gut gemacht." Das kann man unterschrieben: Kein Meisterwerk, aber gute Unterhaltung mit einer Brise an Wissens-Zuwachs in Fragen der kalifornischen Historie. Und als nicht ganz so Böser unter den "Barbary Coast"-Bösen macht James Cagney keine wirklich schlechte Figur. Man fragt sich halt nur immer wieder, ob er vielleicht eventuell sogar einen Henry Maske geschafft hätte ...
Frühstück mit Pistole: James Cagney hindert Barton MacLane (links) an der Ausführung eines unfairen Duells mit dem mutigen Zeitungs-Redakteur. (Fotos dieser Seite: SACHSEN-EXPRESS/TV - oben - und Reproduktion)
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Und also sprach
DAS DREHBUCH:
Yul Brynner: "Ich bin ein Verlorener."
Robert Fuller: "Rede doch keinen Unsinn, Chris. Jede gute Tat wird einmal belohnt."
(Aber wohl wirklich nur im Film - hier in Sach-
sen gibt's sowas nicht! Dialog aus >>Return of the Seven<< von Burt Kennedy; Szenen-Foto mit Fuller: sa-ex/TV.)
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