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+++ Das Kloster-Innenleben einmal anderes betrachtet: >>Die Nonne<< +++

Oben links: Anna Karina wird als Suzanne Simonin für die "Hochzeit" mit Gott zurechtgemacht, doch als die nicht funktioniert, verhüllt man hier Haupt wie bei einer Hinrichtung (unten rechts); dazu ein Film-Plakat sowie Liselotte Pulver, die in Rivettes Film eine lesbisch veranlagte Äbtissin spielte. (Fotos: sa-ex/TV-2 und Repro)
Äbtissin: "SIE LIEBEN DOCH GOTT?"
Suzanne: "AUS TIEFSTER SEELE."
Äbtissin: "ALLES ANDERE KOMMT UNMERKLICH UND OHNE IHR ZUTUN."
Am Ende stürzt sich Suzanne Simonin, die tragische Heldin dieses finsteren Lehrstücks von Jacques Rivette, aus einem Fenster. In die letzte aller Freiheiten, die sie, eine junge und schöne Frau im Frankreich des 19. Jahrhunderts, nie besaß. Der Freitod kommt unvermittelt, auf einer Party-ähnlichen Zusammenkunft mit diesen seltsamen Augen-Masken aus schwarzem Stoff, wie sie seinerzeit in gehobenen Kreisen wohl üblich waren (der Begriff Maskenball wäre übertrieben; dafür ist die Gruppe zu klein). In einer Rezension liest man, dass Suzanne in einem Bordell gelandet sei. Rivette nimmt das nicht ganz so genau, denn er beschreibt die Wege der aus dem Kloster Geflohenen in - dem Rest des Films vollkommen zuwiderlaufendenen - harten, kurzen Sequenzen: Angst vor dem sie sexuell bedrängenden Dom Morel; das Auffinden durch Landarbeiter und Verrichtung bäuerlicher Tätigkeiten inklusive des Versteckens vor einer Patrouille (ja, das Gesetz suchte damals eine Kloster-Flüchtige); dann wird sie beim Bügeln in einer ärmlichen Wäscherei gezeigt; irgendwie verschlägt es sie doch in Stadt, wo sie in der Tat an eine Prostituierte gerät; schließlich die maskeröse Party (vielleicht ein Ritual noblerer Huren-Häuser). Rivette arbeitet dies in Formel 1-Geschwindigkeit ab. Muss er wohl auch, denn das vorher Gezeigte hatte fast schon die Dimensionen eines Monumental-Werkes von David Lean. Interessanterweise ist Fred Zinnemanns Geschichte einer Nonne von 1959 (im Original!) noch 14 Minuten länger als die 135 Minuten währende Adaption eines Romans des großen französischen Aufklärers Denis Diderot (1713-1784). Allerdings ist die US-Produktion mit Audrey Hepburn auch längst nicht so quälend wie das sieben Jahre später entstandene Drama mit Anna Karina und der Schweizerin Liselotte Pulver, die wohl beide ihre mit Abstand besten wiewohl auch schwierigsten darstellerischen Leistungen abzuliefern hatten. So ist das im Auge des Betrachters: Quälendes erscheint uns viel gedehnter. Und weiß Gott: Rivettes Film quält, zumindest über weite Strecken, ungeheuer.
Doch zurück zum Suzannes Suizid. Die Protagonistin verlässt die Welt ausgerechnet bei einem Maskeraden-Szenario. Ausgerechnet sie, die zuvor jede Nonnen-Kleidung als aufgezwungene Maskerade empfand, empfinden musste. Eine herrliche Metapher. Wenn man denn Metaphern, künstliche Vergleiche liebt. Wilfried Reichart kam in einem Artikel des Fachorgans FILM-DIENST anlässlich einer DVD-Edition mit Rivette-Streifen (Die Nonne war nicht dabei) zu einem abenteuerlich anmutenden Vergleich mit Alfred Hitchcock und dessem "McGuffin", den der Krimi-Meister selbst wie folgt umschrieb: "Ein Trick, ein Dreh, ein Grund ohne Bedeutung, und die Logiker suchen an einem falschen Ort nach der Wahrheit". Und Reichart konsternierte: "In allen Rivette-Filmen geht es um Geheimnis-volle Vorgänge, in die eine Gruppe von Personen verstrickt ist, doch was seine Filme von allen anderen unterscheidet, ist, dass es ihm nicht um die Auflösung mysteriöser Dinge geht." (An anderer Stelle geht der Autor sogar so weit, der Franzose habe "ein eigenes Genre kreiert, den Rivette-Film".)
Metapher hin, Hitchock her: Die Nonne erzählt keinen wirklich Geheimnis-vollen Vorgang, und die mysteriösen Dinge werden sehr wohl aufgelöst, wenn auch auf unschöne Art und Weise. Vielmehr berichten Rivette und zuvor logischerweise bereits Diderot aus einer schwierigen Epoche der Religions-Geschichte: Europa hatte die Erschütterungen der Inquisition weitestgehend überstanden und brach über die Französische Revolution zu völlig neuen Ufern auf. (Rivette blendet vor dem Abspann den Hinweis "Paris 1790" ein.) Diese neuen Ufer beinhalteten nicht nur eine größere Volks-Beteiligung an den Vorgängen der staatlichen Macht, sondern im gleichen Atemzug einen deutlichen Bruch mit der bis dahin vorherrschenden Allmacht der Kirche. Klöster sind kirchliche Einrichtungen, und die hier aufgezeigten Zustände verraten noch immer viel davon, dass die 10 Gebote zwar eine Ehren-werte Sache sind, ihre Befolgung aber schon von jenen, die sie predigen, spätestens dann ignoriert wird, wenn eigene Macht ins Spiel kommt: Die Beförderung einer Nonne aus ärmlichen Kreisen zur Oberschwester führt dazu, dass diese sich (gegenüber der rebellischen Suzanne) wie eine KZ-Aufseherin gebärdet. Das alte Sprichwort "Gib' dem Deutschen einen Posten und er wird zum Schwein" gilt beim Allmächtigen nicht nur für Germanien ...
Zum eigentlichen Inhalt: Am Anfang steht ein Skandal. Suzanne (gespielt von Anna Karina) soll in einer feierlichen Zeremonie das Gelübde ablegen, um fortan als Nonne zu leben und anerkannt zu werden. Doch die Schönheit weigert sich, sehr zum bösartigen Unwillen der Eltern. Schwenk in das Haus der Simonins. Verarmter Adel. Langsam kommen die Hintergründe ans Licht; Suzanne hat noch zwei ältere Schwestern, die bereits verheiratet wurden. Das habe, so die Mutter (Christiane Lénier), alles Vermögen aufgezehrt. Für die dritte Tochter bliebe also Zwangs-läufig nur der Weg ins Kloster. Suzanne wehrt sich, will notfalls allein einen Bräutigam finden. Das aber ist nach dem Eklat beim Gelübde noch ausgeschlossener. Im Eltern-Haus werden diktatorische Maßnahmen ergriffen, wird die Widerspenstige drei Monate in ihr Zimmer eingesperrt, ohne irgendwelche Kontakte. Der Vater (Charles Millot): "Sie hat nichts zu erhoffen".
Ein Priester wird herbeibeordert, der Suzanne umstimmen soll. Dieser macht der Verzweifelten ihre Lage klar. Gegenargumente ("Ich war hübscher als meine Schwestern. Das missfiel meinem Vater.") lässt der Geistliche mit Verweis darauf, dass Suzanne außerehelich gezeugt wurde, nicht gelten; eingedenk dieser Tatsache könne sie sich doch gar nicht "auf eine Stufe" mit ihren Schwestern stellen. Er malt ihr eine von Verdammnis und Not geprägte Zukunft aus: "Sie weigern sich, ins Kloster zu gehen? Vielleicht werden Sie es noch beklagen." Nach diesem Besuch gewährt die Mutter hochgnädig "Audienz" (ihr noch fieserer Mann ist gerade abwesend). Zynisch spricht sie: "Meine Tochter, vergifte mein Leben nicht länger!" Die Frage nach dem leiblichen Vater - immerhin ja auch noch ein Anker der Hoffnung - muss sie negativ bescheiden, da selbiger nicht mehr lebt. ("In deiner Brust schlägt das harte Herz deines Vaters.")
Suzanne ist am Ende, fügt sich ein zweites Mal ihrem Schicksal. Nun muss Mutter Simonin erst einmal auf eine Art Bettel-Tour, da der töchterliche Aufschrei der Verzweiflung natürlich für viel Aufsehen gesorgt hatte. Kloster Longchamp erweist sich als "gnädig", auch weil besonders auf das musikalische Talent Suzannes verwiesen wird. Madame de Moni (die Oberschwestern werden hier nur als "Madame" bezeichnet und angesprochen) aufmunternd zu Suzanne: "Sie dürfen bei uns musizieren, wir haben ein Spinett". Sie darf auch gleich eine Probe ihres gesanglichen Könnens abliefern; dann trennt sich ihr Weg von der hartherzigen Elternhälfte mütterlicherseits für immer.
So sehr Suzanne auch bemüht ist, sich erneut in das kärgliche Leben einzugewöhnen - es gelingt ihr nicht. Madame de Moni (Micheline Presle) zeigt allerdings sehr viel Verständnis, gewährt lange Unterredungen. "Sie lieben doch Gott?" - "Aus tiefster Seele." - "Alles Andere kommt unmerklich und ohne Ihr Zutun." Tut es aber nicht. Deshalb (wieder die Oberin): "Mir will scheinen, sobald Sie nahen, entfernt sich Gott." Und als die erneute Ablegung des Gelübdes naht: "Nie sah ich besorgter ein Mädchen Nonne werden."
Die Zeremonie bleibt diesmal für den Zuschauer außen vor; kurz danach wird sich Suzanne an nichts mehr erinnern. ("Hab' ich wirklich das Gelübde abgelegt?") Der Priester, der sie einst im Elternhaus zu überreden hatte, überbringt im Fortgang der Handlung die Nachricht vom Tod der Mutter und einen letzten Brief, fragt wie nebenbei: "Haben Sie dieses Leben lieben gelernt?" Herrlich die Antwort: "Die Zeit vergeht. Der Herbst ist bald vorüber." Ist er nicht, denn der Tod macht auch vor den Kloster-Mauern nicht halt - die Verständnis-volle Oberschwester stirbt. Mit Schwester Saint-Christine (Francine Bergé) als Nachfolgerin brechen andere Zeiten an. Zunächst einmal lässt sie alle Zellen durchsuchen, weil die als Relikt verehrte Bibel Madame de Monis verschwunden ist; nicht unerwartet wird sie in Suzannes Bett gefunden. Die dafür verhängte Strafe wirkt satanisch: Eine Woche lang hat sie während des Gebets mitten im Chor-Raum zu knien, dabei von Wasser und Brot zu leben sowie ein Sprechverbot mit den anderen Nonnen einzuhalten.
Suzanne ist verzweifelt und will nur noch raus. Sie lässt sich von Schwester Saint-Christine Papier und Tinte geben, um eine Beichte niederzuschreiben; in Wirklichkeit richtet sie einen Bittbrief an einen Anwalt, der von einer ihrer nur noch wenigen Freundinnen nach draußen geschmuggelt wird. Die neue "Chefin" wittert dies und dreht völlig frei, indem sie Suzanne in eine andere Zelle verlegt und (nachdem ihre Suche nach eventuellen ketzerischen Schriften Erfolg-los verläuft) einen Schwur verlangt, wonach das Papier wirklich nur für die Beichte verwendet wurde. Weil Suzanne dies wegen Geringfügigkeit ablehnt, kommt sie in den - wir staunen als nicht so bewanderte Betrachter regelrecht Bauklötzer - Kloster-eigenen Kerker! Begnadigung nach nur drei Tagen: "Gott hat mir Mitleid anempfohlen, und ich unterwerfe mich seinem Willen." Die Worte der jungen Oberin wirken wie Zynismus; als der Advokat in Longchamp aufkreuzt, der die Anfechtung des von Suzanne abgelegten Gelübdes einleiten soll, beginnen die Repressalien von vorn.
Jetzt ist die Isolierung Knall-hart; keine Gespäche, keine Nonnen-Kleidung, keine Teilnahme am Gebet, nicht einmal zu essen bekommt die Ausgestoßene - sie wird wie eine Hexe behandelt, und es ist das Schlimmste zu befürchten. Ein geistlicher Würdenträger wird ihre Rettung, der die Zustände in Longchamp untersuchen soll. Wie zu Inquisitions-Zeiten wird die Geschundene vorgeführt - mit einem Sack über dem Kopf!! Doch der Verhörende schlägt sich auf die Seite Suzannes, als er erfährt, dass Schwester Saint-Christine der Ärmsten sogar das Beten verboten hatte. In einem Kloster, wohlgemerkt! Dieser Umschwung des Sachverhalts bringt Suzanne zwar nicht die erhoffte Freiheit, wohl aber die Verlegung in ein anderes "claustrum", wie die Lateiner einen in sich verschlossenen Ort zu betiteln pflegten.
Dort, vermutlich in Arpajon (siehe Anmerkungen weiter unten), gerät Simone in eine völlig andere Welt. Die hier "regierende" Äbtissin, Madame de Chelles (Liselotte Pulver), ist zwar keine Tyrannin im kirchlichen, wohl aber im sexuellen Sinne. Gleich Suzannes Begrüßung gerät zum Freudenfest, denn Madame ist mal wieder ihrer letzten Gespielin Saint-Thérèse (Yori Bertin) überdrüssig ("Ich bin voller Langmut. Zwingen Sie mich nicht, zu strafen!"), und freut sich ungemein über die Neue. Und noch ehe selbige begreift, sieht sie sich einem Labyrinth aus Eifersüchteleien und Begierden ausgesetzt; die Zudringlichkeiten ihrer neuen "Vorgesetzten" sind ebenso unzweideutig wie die verschreckten Abweisungen des Neu-Ankömmlings. Im Zuge einer Beichte verdrehen sich die bisherigen Vorzeichen komplett - nicht mehr Suzanne ist die vom Satan Bedrohte, sondern die lüsterne Oberin. Schließlich tritt Dom Morel (Francisco Rabal) auf; der macht ohne Umschweife auf den Tatbestand aufmerksam, ebenfalls wider eigenem Willen zum Gottesdiener geworden zu sein und leitet daraus eine Seelen-Verwandtschaft ab, die er in einem klaren Flucht-Angebot artikuliert. Suzanne ist von der Idee zunächst wenig begeistert, erscheint aber doch zum nächtlichen Treffpunkt.
Der Rest ward bereits geschildert: Kaum "draußen", will Dom Morel über die arme Ex-Nonne herfallen, weshalb sie gleich ein weiteres Mal die Flucht ergreift. Eine Flucht, die schlussendlich nur einen letzten, suiziden Ausweg kennt. Ein wirklich böser Blick auf eine dem Außenstehenden eigentlich stets sehr heil vorkommende Welt: Das Drama der vollkommen Verlorenen erfüllt sich nicht - wie lange Zeit zu befürchten - in Kloster Longchamp, sondern jenseits der einschließenden Gemäuer. Und dennoch bezieht Jacques Rivette nicht eindeutig Partei für oder gegen das christliche Handeln; Raum für eine Interpretation dergestalt, dass Simone doch lieber in den Gottes-Häusern verblieben wäre, lässt der Filmemacher nicht zu. Gleichwohl ist Die Nonne keineswegs ausschließlich als Anklage allen Religiösen zu betrachten. Tendenziös vielleicht, aber der Plot gestattet immer wieder das Durchsickern des einen oder anderen Anflugs von Verständnis, nicht nur in Gestalt jenes Würdenträgers, der Simones (Lebens-rettende) Verlegung nach Arpajon betreibt. Den denkwürdigsten Satz zur Belichtung der Geschehnisse lässt der Film kurz vor Feierabend vom Stapel: Suzanne ist beim Bügeln in der Wäscherei, hat zu ihrem Schutz den Namen Marie angenommen. Die anderen Frauen unterhalten sich über die ihnen bekannt gewordene Flucht der Nonne und entgegnen auf einen kurzen Einwand der Betroffenen, sie solle doch kein Mitleid mit dieser Person haben: "Sie brauchte nur zu essen und zu trinken und zu beten und zu schlafen. Was brauchte sie mehr?"
Unser heutiges Welt-Bild hat für die Bedeutungs-Schwere dieses Ausspruchs ganz sicher wenig Verständnis. Aber wir befinden uns im ausgehenden 18. Jahrhundert (Diderots Roman übrigens erschien bereits 1760; weit vor der Revolution also, die natürlich ein köstlicher Aufhänger ist), und da waren solche Denkweisen durchaus plausibel und legitim. Und so kommt wohl das HEYNE->>Film-Lexikon<< der eigentlichen Intention von Novelle bzw. Adaption am Nahesten, als es resümierte: "Durch innovative Dramaturgie mit einer peinlich genau beobachtenden Kamera wird der Schrecken autoritärer Kontroll-Instanzen unmittelbar erlebbar." Kontrolliert wird in diesem Streifen überall; im Elternhaus ebenso wie in Longchamp. Im moderneren 21. Jahrhundert, in der das Macht-Instrument der Überwachung radikale, totale und totalitäre Formen angenommen hat, mag dieses scharfe Urteil mitleidiges Lächeln hervorrufen, doch die Paralle ist um so beängstigender: Wenn die Kontrolleure diese Ausnahme-Stallung missbrauchen, werden sie selber zu Kriminellen. Und das hat sich zwischen damals und heute nicht im Geringsten geändert. Hier trifft sich das Rivette-Werk mit den brutalen Aussagen eines Sam Peckinpah genauso wie mit dem "Watch-the-Police"-Aktionismus am Rande der jährlichen Randale im Dresdner Szene-Viertel Neustadt.
Die Nonne ist aus heutiger Sicht ein bemerkenswertes, obschon kein überragendes Leinwand-Stück. Dafür leistet sich sein Macher ein bisschen zu wenig visuelles Kino (ein Vorteil des oben zitierten Zinnemann-Epos). Dass diese Zurücknahme andererseits durchaus vorteilhaft wirkt, weil nur so dem klösterlichen Alltag eine halbwegs gerechte Bewertung widerfahren kann, ist ein ander Ding. Ganz so glaubwürdig erscheint zumindest der hyperkrasse Unterschied zwischen Longchamp und Arpajon dann doch wieder nicht: Suzanne kommt von einem "Gräfin-Cosel-in-Stolpen-Verlies" in eine Art Fünf-Sterne-Hotel! Wir wissen nicht, ob es derolei Auswüchse wirklich gegeben hat - Frankreich ist eine "grande" Nation, da erscheint Manches möglich. Auf alle Fälle irritiert der Schnitt, der ein Einschnitt ist, den Betrachter ungemein. Ansonsten aber geht Rivette kärglich mit den unbegrenzten Mitteln des Mediums um; eine während einer Gebets-Messe durchs Bild huschende Katze ist fast schon das Abweichendste vom nachgeradezu starren Blick auf die Protagonisten.
Rivette wird als Begründer der "Nouvelle Vague" gefeiert, doch er kam relativ spät "auf Touren", konnte eigentlich erst mit Die schöne Querulantin von 1991 (!) einen Hit feiern. Was zuvor war, wird - das ist so geregelt auf diesem Künstler-Planeten - erst in der Nachbereitung, im Rückblick "vergroßartigt". Das Haar-sträubendste Indiz für den verkehrten Umgang mit einer Biographie findet sich ganz versteckt in einem großen Wälzer über ... Robert Siodmak. Der dortige Autor erinnerte sich eines Manifstes von Joe Hembus (der also nicht nur Western beackerte, obwohl er auf diesem Sektor am bekanntesten wurde). 1961 schrieb dieser ein sogenanntes Manifest unter dem Titel >>Der deutsche Film kann gar nicht besser sein<< und definierte darin den Begriff "Filmschöpfer" mit André Bazin und Jaques Rivette als ein Erzählen "in der ersten Person". Allein durch diese Bekenntnishaftigkeit gewinne der Film eine Zukunfts-trächtige künstlerische Legitimation ... Der Haken an der Sache: Rivette hatte zu diesem Zeitpunkt gerade erst einmal einen einzigen Streifen realisiert, den Beinahe-Krimi Paris gehört uns um eine Gruppe von Schauspielern, die ein Shakespeare-Stück erprobt, eine dort dazustoßende Provinzlerin und auftauchende Leichen. 1958 begonnen, aber wegen finanzieller Engpässe erst 1960 (oder 1961) aufgeführt. Und hinten heraus ein deftiger Misserfolg an den Kino-Kassen!
Das lässt allerlei Raum für Spekulationen, warum sich Rivette als nächstes Projekt den Diderot-Stoff vorknöpfte, der den Skandal regelrecht provozieren musste (Lesben im Kloster? Wir sind noch in den Sechzigern!) - nichts ist auf dieser Welt unwirklich-beständiger als das Kalkül. Rivette selbst soll nie den Kurztitel, sondern stets das ursprüngliche Suzanne Simonin, la Religieuse de Diderot favorisiert haben. Das kann Zweierlei bedeuten: Entweder sein Macher wollte den zu erwartenden Skandal mit Verweis auf das literarische Original vermeiden bzw. abschwächen. Oder aber er wollte nach dem Scheitern seines Debüts den Skandal unbedingt. Aufklärung ungewiss. "War Paris gehört uns ein kommerzieller Misserfolg, so wurde Die Nonne ein veritabler Skandalerfolg. Bereits die Vorbereitungen zur Verfilmung des gleichnamigen Romans von Diderot, die 1965 mit knappen Budget gedreht wurde, begleiteten Proteste katholischer Verbände. Das Verbot des Films im April 1966 entfachte eine Protestwelle, die sich über Monate hinzog. Erst 1967 wurde der Film freigegeben", wusste Kerstin Eberhard im Nachschlage-Werk >>Filmregisseure<< von RECLAM zu berichten.
Gestalterisch blieb Die Nonne mit dem linearen Handlungs-Verlauf eher konventionellen Strukturen verpflichtet, was im übrigen Werk Rivettes selten vorkommt. Darüber hinaus gehen die Protagonistinnen an die Grenze ihres Könnens. Zumindest Anna Karina, eine Dänin, die mit 18 nach Paris zog und dort blieb. Zunächst als Model tätig, kam sie über die Bekanntschaft mit Jean-Luc Godard zum Film, der sie in den emisten seiner Frühwerke Anfang der Sechsziger besetzte - beide waren zudem von 1961-68 verheiratet. Doch kaum eine dieser Aufgaben - auch nicht die auf der "Berlinale" 1961 preisgekrönte Angela aus Godards Eine Frau ist eine Frau - forderte sie mehr als die Suzanne des Rivette-Streifens. Der Regisseur kaufte allerdings die Katze nicht im Sack, wie es so schön heißt, denn Anna Karina soll die Nonne wider Willen zuvor bereits am Théatre des Champs-Elysées interpretiert haben.
Ob man Liselotte Pulvers Leistung überschwänglich feiern muss, ist ein anderer Betrachtungswinkel. Als ebenso Lebens-lustige wie lesbische Madame de Chelles ist sie von ihrem Strahlefrau-Image etwa in Ich denke oft an Piroschka nur um Nuancen entfernt; es ist wohl der ernste Inhalt, der hier auch für mehr Lob als gewöhnlich sorgte. Andererseits hatte die Schweizerin auch schon bei anderen seriösen Regisseuren in dramatischeren Schöpfungen als dem deutschen Heimat-Film mitgewirkt, wenn man nur an Zeit zu leben, Zeit zu sterben (1958) des renommierten Douglas Sirk denkt. Weitere Prominenz erfuhr die Darsteller-Crew durch Micheline Presle und Francisco Rabal; die meisten anderen Parts waren von hierzulande weniger bekannten Franzosen bzw. Französinnen besetzt.
Darüber hinaus bietet Die Nonne einen kleinen historischen Exkurs: Kloster Longchamp nämlich, fachlicher als Klarissen-Abtei bezeichnet, existierte tatsächlich, war 1232 von der Schwester des Königs Ludwig IX. namens Isabella im westlich von Paris gelegenen Wald Rouvray gegründet worden. Die Dinge haben sich geändert, denn die Abtei wurde im Zuge der Französischen Revolution (1789-1799) vollständig zerstört; heute befindet sich auf dem Terrain eine Pferde-Rennbahn! Das andere im Film vorkommende Kloster ist nicht genau auszumachen (wiewohl es ja durchaus fiktiv sein kann); ein MDR-Text benennt das nicht zu verifizierende Kloster Saint-Eutorpe, während in einer französischen Quelle zur Rivette-Arbeit von Arpajon die Rede ist, was in Frankreich allerdings mehr eine kleine Verwaltungseinheit im Department Essonne südlich von Paris meint.
Genug der Abschweifungen. Zum Film selbst scheint eigentlich alles Wesentliche gesagt. Es gibt auch nicht die große Masse an Zitaten über Die Nonne. Rivette freilich bleibt ein Objekt der Verehrung, auch im beginnenden 21. Jahrhundert, in dem er noch immer unermüdlich dreht. Über seinen musikalisch untersetzte Komödie Vorsicht: Zerbrechlich! von 1995 (übrigens auch mit Anna Karina) urteilte der FILM-DIENST: "... eine Hommage an die Individualität und Zerbrechlichkeit des Einzelnen." Ein Satz, der weiß Gott auch über La Religieuse stehen dürfte ...
'Komm' mit mir, schöne Nonne': Francisco Rabal als Dom Morel und Anna Karina in der Kluft, die sie nicht mag. Doch weil er nur lüstern ist, bleibt ihr alles Glück dieser Welt versagt. (Foto: Repro)
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Und also sprach
DAS DREHBUCH:
Yul Brynner: "Ich bin ein Verlorener."
Robert Fuller: "Rede doch keinen Unsinn, Chris. Jede gute Tat wird einmal belohnt."
(Aber wohl wirklich nur im Film - hier in Sach-
sen gibt's sowas nicht! Dialog aus >>Return of the Seven<< von Burt Kennedy; Szenen-Foto mit Fuller: sa-ex/TV.)
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