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Beide "BUDDENBROOKS"-Filme nach THOMAS MANN im cineastischen Vergleich

Armin Mueller-Stahl als Konsul und Justus von Dohnanyi (Grünlich) im neuen >>Buddenbrook<<-Film .


"WIR SIND NICHT DAZU GEBOREN, NACH DEM ZU LEBEN, WAS WIR GERADE MAL FÜR GLÜCK HALTEN ... MIT UNSEREN KURZSICHTIGEN AUGEN."

(Armin Mueller-Stahl als Konsul Johann "Jean" Buddenbrook)




(sa-ex) "Auch wenn die Zeit der industriellen Revolution sicher aufregend war - dieses Verhaftetsein in Pflichten wäre nicht mein Ding." Sprach August Diehl im Interview fü eine Programm-Illustrierten. Diehl ist nicht irgendwer: Vom Computer-"Hacker" Karl in >>23 - Nichts ist so wie es scheint<< von 1998/99 zum Wehrmachts-Major Hellstrom in der sich im Stadium der Nach-Produktion befindenden Nazi-Satire >>Inglourious Basterds<< (Regie: Quentin >>Pulp F.<< Tarantino!) wurstelt oder besser gesagt wuselt er einer mehr als ordentlichen Karriere. Da kam der Christian Buddenbrook in der Neu-Verfilmung nicht ungelegen - der ist, im Roman und wohl auch auf der Leinwand, die schwierigste der allzu vielen Personen, die das Gerüst für Thomas Manns Jahrhundert-Klassiker abgaben, der seinerzeit - veröffentlicht 1901 - obendrein sein Erstling war, was den epischen Sektor anbelangt (nach ein paar Kunst-Gedichten und Novellen). Die Eckdaten des Kaufmanns-Sohnes im literarischen Zeitraffer: Geboren 1828 als drittes Kind von Johann "Jean" Buddenbrook und seiner Frau Elisabeth; der Vater wiederum Nachfahre des Lübecker Getreide-Händlers Johann Buddenbrook dem Älteren. Mit 14 sorgt Christian erstmals für Aufsehen, als er der Demoiselle Meyer-de la Grange in ihrer Garderobe im Stadt-Theater die Aufwartung macht. Später Abbruch des akademischen Studiums; stattdessen Kaufmanns-Lehrling in London und weiterführende Handels-Tätigkeiten bis nach Valparaiso in Chile. 1856 auf Wunsch der Mutter Rückkehr nach Lübeck und Anstellung als Prokurist im jetzt von Bruder Thomas geleiteten Unternehmen. Er mag den Job nicht, fällt lieber mit Narreteien im "Herren-Club" auf; die dort getätigte Äußerung "jeder Geschäftsmann sei ein Gauner" führt zum ersten bösen Konflikt mit Thomas - der auch von eine rgewissen Kränklichkeit gezeichnete Christian wird, nachdem auch noch seine Liebschaft mit der Theater-Statistin Aline Puvogel die unangenehme Klatsch-Runde macht, mit einem Vorschuss auf sein künftiges Erbe nach Hamburg geschickt. Die dortige Firma steht nach dem Tod seines Partners vor dem Ruin, und ein weiteres Mal hilft die Familie - hier die inzwischen stark frömmelnde Mutter - dem 33-Jährigen finanziell. Er geht mit Aline nach London; beide haben eine uneheliche Tochter, doch der per Telegramm geäußerte Heirats-Wunsch wird vom Rest der Buddenbrooks rigoros abgelehnt. Ein Gelenk-Rheumathismus zwingt ihn zur Rückkehr nach Hamburg; nach der Genesung kehrt er wieder heim nach Lübeck. Als er nach dem Tod der Mutter "Bethsy" (1871) bei Thomas erneut um die Heirats-Einwilligung nachsucht, bebt dieser vor Zorn und "rationiert" Christians Vermögens-Anteil. Erst nach dem Tod des Bruders Anfang 1875 kann er endlich die Trauung vollziehen, doch wenig später ist es Aline, die Christian in eine Irren-Anstalt unterbringen lässt ...

So weit, so gut. Das ist, extrem gestrafft, einer der Handlungs-Stränge des monumentalen Werkes. Ein Teil der anderen Familien-Mitglieder, vor allem Johann alias "Jean", Antonie alias "Tony" und Thomas, haben viel längere, intensivere Geschichten abbekommen. Aus diesem Wulst ein brauchbares Drehbuch für einen attraktiven Film zu machen, erscheint ein waghalsiges Unterfangen. Doch diesseits wie jenseits des Atlantiks hat man sich zu allen Zeiten dieser Herausforderng gestellt, und nicht selten mit Erfolg. Gerade der erste >>Buddenbrooks<<-Streifen entstand Ende der Fünfziger zu einer Zeit, da sich Hollywood mit nachgeradezu exzentrischer Lust an das Adaptieren von Welt-Literatur machte. Und das meint nicht etwa die schwülen Südstaaten-Melodramismen nach Tennessee Williams oder William Faulkner, sondern richtige "Papier-Fresser" wie Fjodor Dostojewskis >>Die Brüder Karamasov<<, >>Elmer Gantry<< nach Sinclair Lewis (beide von Richard Brooks inszeniert) oder >>Exodus<< von Leon Uris, den Otto Preminger auf die Breitwand-Screen holte. Zugleich hatte sich mit David Lean der exzellente Meister des 3-Stunden-Spielfilms etabliert (Cecil B. DeMilles Bibel-Kitsch und wohl auch William Wylers >>Ben Hur<< muss man hier etwas extrahieren): >>Die Brücke am Kwai<< hatte sich 1957 gerade seine verdienten 7 OSCARs abgeholt, und >>Lawrence von Arabien<< war in Arbeit. Zwei ganz schwierige Felder, geboren natürlich aus der Not, die Zuschauer von den immer beliebter werdenden heimischen TV-Sesseln wegzulocken. Komplizierte Stoffe hier - lange Epen dort, die niemals der Gefahr unterliegen durften, das Publikum zu langweilen. Eine heikle Kunst, und von nur wenigen wirklich beherrscht.

Warum ich das erwähne? Aus zweierlei Gründen. Zum Einen unterliegen die Mehrzahl aller Filme auch Zeit-historischen und politischen Auspizien. Dem 1959er Streifen (damals als Zweiteiler mit nur einer Woche "Versatz" in die Kinos gebracht) kann man beim besten aller Willen wenig Ideologisches abgewinnen. Dagegen spricht irgendwie schon der Name seines Regisseurs: Alfred Weidenmanns Laufbahn begann im Nationalsozialismus, wo er ein so strammer Parteigänger war (>>Junge Adler<< von 1944), dass man sich im Nachhinein wundert, wieso ihn die Russen unversehrt aus der Gefangenschaft entlassen haben. Die "Entnazifizierung" muss vollkommen gewesen sein; der gebürtige Stuttgarter vom Jahrgang 1918 schrieb - wie vormals auch - ein paar Jugend-Bücher und kehrte schon bald in den Regie-Stuhl zurück, zunächst mit seichten Dokus (>>Wir bummeln um die Welt<< von 1949), ab 1953 auch wieder mit echtem "Kintopp": Die Ehe-Komödie >>Ich und du<< steht am Beginn einer erfolgreichen Schaffens-Periode, die Weidenmann zu einem der renommiertesten Regisseure der Fünfziger Jahre werden ließ. Thematisch so unterschiedliche Arbeiten wie >>Canaris<<, >>Alibi<<, >>Kitty und die große Welt<<, >>Stern von Afrika<< und >>Scampolo<< legten den Grundstein für den Zuschlag als >>Buddenbrooks<<-Steuermann (denn erstaunlicherweise hatte Harald Braun am Drehbuch mitgeschrieben, der selbst ein anerkannter Regisseur war); leider gibt es kein tiefgründigeres Material zur Entstehung jener ersten Tonfilm-Version, nachdem sich Gerhard Lamprecht schon 1923 in stummen Bildern daran gewagt hatte. Ein politischer Hintergrund ist freilich auch sonst kaum auszumachen: (West-)Deutschland ging es dank des Wirtschafts-Wunders zunehmend besser in jenen Tagen, und auch der Film florierte, obschon auf bescheidedem Niveau. Heimat- und Heide-Film, KuK-Nostalgie u.ä. garantierten unbeschwerte Kost und drängten die wenigen seriösen Versuche der Aufarbeitung der schlimmen Vergangenheit ins Abseits; selbstredend verschafften sich auch die meisten kommerziellen" Filmemacher ein reines Gewissen, indem sie wenigstens einmal das Dritte Reich (an dem etliche dieser Leute partizipiert hatten) cineastisch verteufelten - selbst Weidenmann gelang dies mit >>Canaris<< von 1954.

Der andere wichtige Aspekt: Es ist für uns Normal-Stebliche unmöglich, jedes Buch zum entsprechenden Film studiert zu haben und also gründliche Vergleiche zu ziehen. Das nur, weil im Zusammenhang mit der Premiere des aktuellen Breloer-Werkes öfters die Rede davon war, dass man/frau jetzt endlich den bis dato ungelesenen Roman in Erfahrung bringen könne. Das funktioniert auch nicht. Gott sei Dank gibt es die Wissens-Datenbanken des Internets, wo man sich in gebündelter Form informieren kann und sollte. Auch ich würde mich - trotz erwiesenen Hangs zum Perfektionismus! - schwer hüten, in den nächstbesten Buch-Laden zu rennen, um mir den Mann-Wälzer einzuverleiben. (Das auch mit Vermerk auf die nachfolgenden Zitate, von denen wir also nicht wissen, wie "Literatur-original" sie in Wirklichkeit sind.) Und wer etwas von Kino versteht, wird dies nachvollziehen können; ich persönlich hatte meinen Schock auf diesem Sektor in Anbetracht der schon erwähnten Brooks-Adaption des Dostojewski-Klassikers >>Die Brüder Karamasov<<. Denn dieses Pracht-Exemplar russischer Dichtung habe ich als bekennender Dostojewski-Fan natürlich gekannt, bevor Maria Schell die ebenso unwirklichste wie brillanteste Gruschenka gab, die man sich jemals hätte vorstellen können. Und war demzufolge erzürnt und erbost über das Faktum, wie sich das Personal von M-G-M über den wichtigsten, den religiösen Handlungs-Strang hinwegsetzte: Die Geschichten von Aljoscha und vom Starzen Sosima kommen so kurz weg, dass man noch heute die Produktion wegen Missachtung der künstlerischen Vorlage verklagen müsste. Und trotzdem funktioniert der Brooks-Film ... als hinreißendes Star-Kino! (Nur im Falle von >>Elmer Gantry<< würde ich mich zum Genuss der Vorlage verleiten lassen; der Film um einen religiösen Scharlatan mit einem genialen Burt Lancaster steckt so voller Wucht und darstellerischer wie inhaltlicher Brillanz, dass es arg verwundert, wieso das nur die Wiedergabe eines Bruchteils der Sinclair Lewis-Vorlage sein soll.)

Star-Kino ... das ist auch der Begriff, der über beide >>Buddenbrooks<<-Filme anzusiedeln ist. Nichts Anderes schuf Alfred Weidenmann, nichts Anderes vollführte Heinrich Breloer. Dass ich mich überhaupt einem Intensiv-Kurs dieser Art hingegeben habe, lag keineswegs allein an dem Bedarf einer Fingerübung in puncto "Cinéma", genährt noch von der nächtlichen TV-Ausstrahlung des alten Schwarzweiß-Werkes. Es lag halt auch an den bösen Kritiken, mit denen vornehmlich westdeutsche Autoren aller Coleur über das Remake herfielen. Sooo schlecht kann eine Zusammenarbeit zwischen der Schauspieler-Koryphäe Armin Mueller-Stahl und dem erwiesenen Mann-Kenner Heinrich Breloer eigentlich nicht sein, sagte mir mein siebter, cinematographisch weiß Gott erprobter Sinn. Und selbiger sollte sich in der Tat nicht geirrt haben.

Es ist natürlich auch das Problem des Internets, dass sich heutzutage Hinz und Kunz zu diversen Dingen äußern darf, ohne auch nur den blassesten Schimmer davon zu besitzen, was er da dem "World Wide Web" in Wirklichkeit zumutet. Aber der Niveau-Abstand zwischen Online- und (mehrheitlich studierten) Presse-Redakteuren ist in der jüngeren Vergangenheit leider immer kleiner geworden, und nicht eben zum Vorteil der Letztgenannten; auch aus den Feuilleton-Ressorts der Zeitungen kam diesmal sehr viel Blödsinn in Bezug auf >>Buddenbrooks<<. Zur Klarstellung: Ich werde mich als erwiesener Hollywood-Kenner und absoluter Western-Experte nun nicht als unglaublich Allwissender in Bezug aufs Deutsch-Kino aufschwingen - das mit Sicherheit nicht! Aber wer soviel über kinematographische Zusammenhänge weiß und die besten Filme dieser Welt mit wissenschaftlicher Präzision analysieren kann, dem sein ein fachliches Urteil auch fernab des speziell Amerikanischen (ohnehin nur scheinbar, denn eigentlich ist Film gleich Film) zugestanden.

Zitat Birte Lüdeking (www.critic.de): "Wie die Buddenbrooks stecken wir in der Finanz-Krise, aber Verstand besitzen wir noch, Herr Breloer. Der Doku-Dramatiker und Thomas-Mann-Experte (>>Die Manns - Ein Jahrhundertroman<<, 2001) beschert uns einen 16 Millionen schweren Weihnachts-Witz. Die Buddenbrooks reden geschwollen und tragen Retro, sind sonst aber Menschen wie du und ich? Dass die vierte deutsche Verfilmung von der privaten und finanziellen Bankrott-Erklärung der Lübecker Kaufmanns-Familie eine Produktion der Gegenwart ist, zeigt sich leider nicht an einer Zeit-gemäßen Interpretation und Inszenierung des Romans, sondern vielmehr an der Mitfinanzierung des Fernsehens und den allzu offensichtlichen kreativen Folgen, an einer aufgeblähten PR-Kampagne und ein paar Sex-Szenen. Bezüge zur akuten Wirtschafts-Misere betont Regisseur Heinrich Breloer zwar gerne in zahlreichen Interviews, jedoch kaum in seinem Film. Die aufregendste Szene in Breloers kreuzbraver Literatur-Verwurstung ist vollkommen unerotisch, sie spielt beim Zahnarzt: Stammhalter Thomas Buddenbrook (Mark Waschke) wird mit fieser Zange und ohne Betäubung in Großaufnahme ein fauler Zahn entfernt. Hier kann man endlich mit einem Protagonisten mitfühlen, während Brüder-Geplänkel, mehrere gescheiterte Ehen und jede Menge Todesfälle im Handlungs-Verlauf an einem vorbeihecheln, ohne dass die Wimper zuckt. Unangenehme Zahnarzt-Besuche sind heute noch so aktuell wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Zwangsheirat mit einem bewarzten Mitgift-Jäger, zu der die jüngste Tochter Tony (Jessica Schwarz) von ihren Eltern genötigt wird, dagegen weniger." Also mit Verlaub - ich könnte der größte Hasser germanischen Leinwand-Schaffens sein, aber soviel Grütze innerhalb weniger Sätze würde ich nicht einmal mit 3,8 Promille im Blut zu Papier bringen!

Nicht ganz so bar jeder Intelligenz, aber halt auch noch böswillig genug artikulierte sich Dirk Knipphals für die TAZ: "Die Arbeit in einem Lübecker Kaufmanns-Kontor des 19. Jahrhunderts muss sehr still und sehr eintönig gewesen sein. In einer Szene dieser Verfilmung erhält man einen Eindruck davon. Man sieht die Angestellten der Familie Buddenbrook mit steifen Krägen am Schreibpult stehen - ein fahles Licht fällt durch die Fenster -, man sieht sie geduldig die Schreibfeder aufs Papier setzen, Korrespondenzen erledigen und die Bücher führen. Es gehört zu den vielen unglücklichen Entscheidungen Heinrich Breloers, nicht wenigstens in dieser Szene etwas länger zu verweilen. Wenige Augenblicke nur, dann ist die sorgfältige Kritzelei bereits zur Staffage geworden. Die alltägliche Arbeits-szenerie dient allein als Hintergrund, um die Clownerien des missratenen Sohnes Christian Buddenbrook zu illustrieren. Der Alltag, der Rahmen, in dem sich die Lebens-Dramen der Buddenbrooks abspielen, interessieren Heinrich Breloer nur als Dekor. Dabei gehen gerade von dem Kontor vielfältige Linien bis ins Herz der Geschichte hinein." Christiane Peitz im Berliner TAGESSPIEGEL: "Man erwartet einen Tanz der Gefühle und Börsen-Kurse, Taumel, Bewegung, Abschüssiges. Aber zu sehen ist nur gediegene Dekadenz in flackerndem Kerzenschein. Schöner Scheitern über drei Generationen. Keine Charakter-Studien, kein Gesellschafts-Porträt, bloß Geschichte als Kulissen-Schieberei. Wer Backenbärte und Pferdekutschen liebt, kommt auf seine Kosten. Historien-Bilderbogen mit Lübecker Holstentor." Karin Zintz für die DEUTSCHE PRESSE-AGENTUR (dpa): >>Buddenbrooks<< bietet 150 schöne Kino-Minuten zur Weihnachts-Zeit - aber das schmerzhafte Drama tut nicht wirklich weh, obwohl viel gestorben wird. Die Darsteller spielen differenziert, funkeln können sie nicht. Bei all den Stars und der historisch genauen Pracht-Entfaltung ist der Film doch eine jener Produktionen, die in jüngster Zeit unter dem Label 'Amphibien-Film' Kontroversen in den Feuilletons entfacht haben. 'Amphibien-Film' - das bedeutet, dass eine Kino-Produktion maßgeblich mit Fernseh-Mitteln realisiert wird und sowohl auf der weiten Leinwand als auch auf dem engen Bildschirm funktionieren soll - mit fatalen Auswirkungen auf die Qualität des cineastischen Erlebnisses. Dramaturgie, Kamera, Schnitt der >>Buddenbrooks<< entsprechen den Bedürfnissen des Fernsehens." Ja Herr im Himmel: Lassen die deutschen Chefredakteure nur noch sturz-besoffenes Personal übers Leinwand-Geschehen schreiben? Woher der Neid, der Hass, das - vermutlich sogar wissentliche - Verbreiten von Unwahrheiten? Denn bei allem Respekt vor der Freiheit der Meinung und daraus resultierende konträre Ansichten: Jeder einzelne oben aufgeführte Kritikpunkt ist schlicht und ergreifend falsch und mit der Leichtigkeit eines Provinz-Viertklässlers zu widerlegen! Da muss es andere Motiviationen gegeben haben, den Breloerschen Teufel an die Wand zu malen - ich jedenfalls habe mich in den 151 Minuten der Neu-Verfilmung so wohl wie lange nicht in einem deutschen Film gefühlt. Und ich habe nachweislich Sam Peckinpah im Herzen und Gesamt-Hollywood (das alte) im Gehirn. Ergo kann der Fehler in der Sichtweise beim Allmächtigen nicht auf meiner Seite liegen ...

Freilich, schon zu Weidenmanns Zeiten gab es ulkige Zeitgenossen, die (mindestens ebenso ungerechtfertigt) aus vollen Rohren schossen. Ein Autor namens Dietrich Kuhlbrodt (FILMKRITIK): "Sehen wir auf der Leinwand den Verfall der Familie Buddenbrook? Nein, aber statt dessen das Privatleben einer gleichnamigen Familie ... ein entkeimtes, normiertes und unsorgfältiges Produkt. (...) Auf das Schema der zehn kleinen Negerlein reduzierte der Film den Mann'schen Roman, indem er einerseits geschichtliche Verknüpfungen (der Bau der Hamburg-Lübecker Eisenbahn, der preußisch-österreichische Krieg, der Kampf gegen die Sozialdemokratie) sorgfältig auflöste und andererseits in dem Bemühen, den Kino-Freund zu schonen, so weit ging, dass er ihm zuliebe die Zahl der einzeln zu ziehenden Wurzeln von Thomas' Unglücks-Zahn von vier auf drei verminderte. Wenn trotzdem, anders als im ersten Teil, großbürgerliche Atmosphäre entsteht, ist dies nicht zuletzt den Darstellern zu verdanken, abgesehen von Felmys Felmy-Blick." Mein lieber Herr Gesangs-Verein: Ich wusste schon immer, warum ich nie purer Kritiker werden wollte - irgendwann eines unbestimmten Tages landet man doch unweigerlich in der mentalen Gosse! (Kuhlbrodt, das nur nebenbei, ist ein heute 76-jähriger Hamburger, der sich in seinem eigentlichen Berufs-Leben als - kein Witz! - Staatsanwalt verdingte und sich Verdienste bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechen erwarb ...)

Entflechten wir einmal mit Sachverstand (Wie war das gerade? "Zehn kleine Negerlein"? Thomas Mann würde sich im Grabe liegend erhängen ...): Der alte und auch der neue Film - dazwischen gab es in den Siebzigern noch eine 614-Minuten-Version des HESSISCHEN RUNDFUNKS, nur fürs TV gemacht und aber, über etliche Jahre Drehzeit, als vollständige Roman-Wiedergabe gedacht - sind Star-Kino. Das schränkt Etliches ein. So setzt die reichlich identische Handlung ein, als das Familien-Unternehmen floriert und die Enkel des Oberhaupts Johann des Älteren bereits erwachsen sind. Die Kindheit des Trios Thomas (bei Breloer erstaunlicherweise noch auf Tom gekürzt), Tony und Christian wird bei Weidenmann überhaupt nicht, im aktuellen Fall nur im Vorspann tangiert. Das wiederum liegt in der (aus meiner Sicht wunderbaren) Umverteilung des Startums beider Produktionen. Liselotte Pulver (als Tony) und Hansjörg Felmy (als Thomas) nämlich tragen das 59er Konstrukt; gleich in der Anfangs-Sequenz begegnet uns die Pulver quietsch-vergnügt durch Lübeck streifend, bis Bendix Grünlich (Robert Graf/1923-1966) ihren Weg streift, ihr ein heruntergefallenes Tüchlein aufhebt. Dann entschwindet Tony ins berühmte Haus an der Meng-Straße; die Kamera schwenkt vielsagend von unten nach oben. Eine gekonnte Ouvertüre, denn Weidenmann wird sich auch in der Folge intensiv mit der Tochter des bürgerlichen Hauses beschäftigen, weil er nun einmal die Pulver zur Verfügung hatte. Sie und Felmy waren vor nicht allzu langer Zeit zur Idolen des damaligen Publikums aufgestiegen ... Felmy übrigens in dem Weidenmann-Abenteuer >>Der Stern von Afrika<< von 1957, na und die "Lilo" als Kurt Hoffmanns >>Piroschka<< ja sowieso (auch sie hatte schon mit Weidenmann gedreht, eine Nebenrolle in >>Ich und du<< von 1953 innegehabt).

Grünling also wird von Jean (Werner Hinz) in geschäftlichen Dingen empfangen, während die übrige Familie bei Tische versammelt ist; die Jugend und besonders natürlich Christian (Hanns Lothar/1929-1967) macht sich über den "Gold-gelben Backenbart" lustig. Doch das Unheil ist programmiert: Tony soll mit dem angeblich seriösen Hamburger verkuppelt werden. Sie wehrt sich nach Kräften, und ein Erholungs-Aufenthalt in Travemünde beschert ihr im Lotsen-Sohn Morten (Horst Janson) eine echte erfrischende Liebe, die aber ohne jede Chance ist. In Auswertung einer ersten bösen Eskapade Christians wird dieser vom Vater zur Ausbildung nach London komplimentiert. Grünlich intensiviert sein Werben, kniet schließlich vor Tony nieder und faselt in peinlichster Manier etwas vom Getötetwerden, falls sie nicht einwilligt. Für zusätzliche Unruhe sorgen die Revolutions-Wirren des Jahres 1848; das vergleichsweise bescheidene Aufbegehren in der Hanse-Stadt wird auch durch Konsul Jeans persönlichem Einsatz gestoppt. Herrlich die Szene, in welcher er seinen Angestellter Corle Smolt (Günther Lüders/1905-1975) in der johlenden Menge ausmacht und ihn direkt in Plattdeutsch anspricht: "Wat wullt ihr eentlich? Nu seggt mi dat mal!" Der entgegnet: "Wir willen nen Republik hebben." - "Öwer du Döskopp ... ihr habt ja schon eenen!" - "Je, dann willen wir noch eenen." Großes Gelächter beendet den Disput und der Konsul die Revolution: "Na Lüüd, ick glööv, dat is dat beste, mi gohn alle naa Hus!" (Man hat Thomas Mann diese Zeilen über die historischen 48er Ereignisse reichlich verübelt und sie als Veralberung des Proletariats angesehen.)

Das gemeine Volk ist außerdem in der Blumen-Verkäuferin Anna (Ellen Roedler) verankert; sie und Thomas lieben sich, können aber - wie Tony und Morten - des Standesdünkels wegen niemals ein Paar werden. Bei ihrer (vorerst) letzten Begegnung bedankt sich der angehende Junior-Chef mit den gemeinen Worten: "Bist ein kluges Mädchen - hast nie etwas von Heirat gesagt." Der Tod des Vaters ebnet Thomas den Weg in die alleinige Verantwortung; er ehelicht die holländische Unternehmers-Tochter und leidenschaftliche Violinistin Gerda Arnoldsen (Nadja Tiller) und führt die Firma nach bestem Wissen und Gewissen sowie mit viel Fleiß weiter. Und doch breitet sich das Unheil aus: Partner gehen Pleite, Sohn Christian entfremdet sich immer mehr, Tony sowie Clara, das späte vierte Kind von Jean und Elisabeth, geraten beständig an die falschen Männer, die es einzig und allein auf die reichliche Mitgift und/oder Erbschaft abgesehen haben: Grünlich, der bayrische Hopfen-Händler Alois Permaneder (Walter Sedlmayer/1926-1990) und sogar der mit Clara liierte Pastor Tiburtius (Frank Freytag) sahnen nur ab, tragen aber nichts zur Firma bei. Außerdem setzt der ewige Konkurrent Hagenström (Wolfgang Wahl/1925-2006) der zerfallenden Familie aus der Meng-Straße mächtig zu. Als sich Thomas auf Anraten Tonys auf ein spekulatives Getreide-Geschäft einlässt, die Ernte aber durch gewittrigen Hagel - der zum 100. Firmen-Jubiläum auch die Festlichkeiten stört - vernichtet wird, geht es endgültig Berg-ab. Gattin Gerda hält sich einen Leutnant René Maria von Throta (Matthias Fuchs/1939-2001) als musizierenden Hausfreund, und Sohn Hanno (Reinhold Zobel) ist überhaupt nicht fürs Geschäftliche zu begeistern, hat auch generelle Probleme: Als er zum Fest des Unternehmens ein Gedicht aufsagen soll, patzt er und fängt an zu weinen. Der Vater wütend: "Gedenkst du, später auch in Tränen zu baden, wenn du zu den Leuten sprichst?" Darauf der Knabe: "Nie werde ich zu den Leuten sprechen. Nie!"

Er wird auch nicht die Gelegenheit dazu bekommen, weil ihn eine Typhus-Krankheit hinweggerafft. Auch Vater Thomas stirbt vorzeitig, an den Folgen eines Schlaganfalls, der wiederum auf eine missglückte Zahn-Extration zurückzuführen war. Christian endet - wir wissen es längst - im Irrenhaus. Nichts ist geblieben vom Glanz des Getreide-Handels - als letzte Erniedrigung kauft Dauer-Rivale Hagenström das einst für 100000 Courant-Mark erworbene Gebäude in der Meng-Straße. Das ist die Story. Davon handelt der Weidenmann-Film. Und auch der von Breloer. Seltsamerweise gibt es keine zwingenden Unterschiede, obwohl höchst unterschiedliche Drehbuch-Autoren am Werk waren. Das Einzige, was wirklich anders ist: Die Verschiebung der Star-Rollen. Was Felmy und Pulver vor fünf Jahrzehnten abgaben (nicht zu vergessen Nadja Tiller als Gerda, die aber - konsequenterweise - sehr zurückgenommen wird), übernehmen nun Armin Mueller-Stahl, Iris Berben und Jessica Schwarz. Aber vor allen Dingen Mueller-Stahl, der hier als Jean weit mehr Anteile bekommt als Werner Hinz im Vorläufer.

Wie so eine Verschiebung der Star-Anteile funktioniert? Ganz einfach: Die Szene, als der Heirats-Schwindler Grünlich im Beisein seines dauernd frech lachenden Bankiers Kesselmeyer (Joseph Offenbach/1904-1971) kurz vor dem Bankrott steht und von den Buddenbrooks nur gerettet würde, wenn er den Ruin nicht selber verschuldet hat (was schon deshalb nicht geht, weil Kesselmeyer ausplaudert, dass der alte Buddenbrook, der durchaus vor der Heirat mit Tony Nachforschungen angestellt hatte, ausgerechnet an die Gläubiger des schon damals Finanz-schwachen Grünlich geraten war, die ihn selbstredend aus purem Eigennutz belogen haben), wird - entgegen des Romas - von Felmy ausgefüllt; erst bei Breloer übernimmt wieder Jean alias Mueller-Stahl das Überprüfen der Bücher (hier übrigens Sylvester Groth als noch hysterischer feixender Kesselmayer). Eine ganz kleine Figuren-Verschiebung, wie beim Schach ... und mit angenehmer Wirkung.

Denn DAS muss ja mal dringend festgehalten werden: Du gehst als bekennender "Ossi" selbstverständlich doppelt vergnügt in diesen Streifen, und zwar von Vornherein. Weil du immer auch Mueller-Stahl als KZ-Häftling André Höfel in Frank Beyers humanistischem DEFA-Klassiker >>Nackt unter Wölfen<< von 1963 im Hinterkopf hast! Was für eine Karriere, was für ein Schauspieler-Leben: Stasi-Agent Bredebusch in den (stilistisch sehr gut gemachten) TV-Ungetümen >>Das unsichtbare Visier<< (1973/75), Wolfgang Schmidt in >>Nelken in Aspik<< (1976), dann Bruch mit dem Regime und westlicher Neu-Anfang als Bau-Dezernent von Bohm in Fassbinders >>Lola<< (1981), schließlich sogar Hollywood mit >>Music Box - Die ganze Wahrheit<< von Costa-Gavras aus jenem 1989, in dem die Mauer fiel. Jetzt also mit dem Konsul Jean als krönender Abschluss, und es soll laut seinen Aussagen wirklich das mindestens vorletzte Engagement bleiben; nur mit seinem Sohn Christian würde er noch einmal gemeinsame Sache machen wollen, ließ er unlängst verlauten. Wie schon einmal, 1991, bei George Sluizers >>Utz<<. Damals lebte Paul Scofield noch und wirkte da mit. Vielleicht würde er schon jetzt abtreten, der 78-Jährige, doch die Karriere des Juniors kam bislang nicht in die Gänge. Das ist Nachhilfe schon an irgendeiner Stelle sehr okay. Aber festzuhalten bleibt: Ich beneide Schauspieler nicht wirklich um ihren Job, dem die langen auswendig zu lernenden Texte ebenso anhaften wie die für Männer weitestgehend unübliche Schminke. Aber wer so eine Welten- und Ideologien-Reise wie Armin Mueller-Stahl hinter sich gebracht hat, dem darf schon jetzt zu einem sensationellen Erden-Dasein gratuliert werden ... mit den >>Buddenbrooks<< als erstklassiges Sahnehäubchen. Da soll und wird sich der alte Knabe - er spielte übrigens auch mal den Hitler (1996 in seinem Regie-Debüt >>Gespräch mit dem Biest<<) - nicht von ein paar übereifrigen Kritiker-Kobolden aus der Bahn werfen lassen, die vom Film und Filmemachen offensichtlich so viel Ahnung haben wie unsereiner vom Entjungfern eines Eichelhähers.

Was soll denn verkehrt sein an Breloers Streifen? Sezieren wir also notgedrungen das weiter oben Dargelegte. Freundin Birte von WWW.CRITIC.DE: "Die Buddenbrooks reden geschwollen und tragen Retro, sind sonst aber Menschen wie du und ich?" Was soll das denn - niemand, aber auch überhaupt niemand behauptet, dass die Lübecker Patrizier "Menschen wie du und ich" sind oder sein wollen. Psychologen - ich muss sie hier mal zitieren, obwohl ich diesen "Berufs"-Stand zur Gänze verabscheue - würden so etwas als eine schwere Wahrnehmens-Störung betiteln. Miss Lüdeking fehlte außerdem "eine Zeit-gemäße Interpretation und Inszenierung


Star-Kino von 1959: Nadja Tiller (links) und Hansjörg Felmy in Alfred Weidenmanns Version der >>Buddenbrooks<<. (Fotos dieser Seite: Reproduktion - oben - und SACHSEN-EXPRESS/tv)













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