Sachsen-Express
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Nicht spuckend und kaum tretend, sondern friedlich grasend: "Goliath" & "E.T."

Was haben "E.T." und "Goliath" gemeinsam? Aus rein objektiver Betrachtungsweise gar nichts - das Eine ein cineastischer Titel-Held bei Steven Spielberg, der Andere ein (vermutlich) riesiger Krieger der Philister aus dem Alten Testament. Beides also kaum zu greifende Figuren voll Künstlichkeit, und ihr Ende ziemlich un-gleich: Goliath seinem "Job" gemäß getötet, während unser au-ßerirdischer Knuddel-Proll laut Drehbuch seine Heim-Reise zu den fernen Sternen einer noch ferneren Galaxis antreten durfte. Aber um Unterschiede soll es ja auch gehen in diesem Beitrag, der von "E.T." und "Goliath" getragen wird, auch wenn die beiden Unsrigen keinerlei Bezug zu Hollywood oder Bibel aufweisen, sondern ein-fach nur zwei Vierbeiner der biologischen Familie "Camelidae" sind. Ihr Zuhause: Der Lama-Hof von Jutta und Matthias Winter im Ohorner Orts-Teil Röder, den man als solchigen kaum kennt, sondern nur als Buschmühle. Weil's weithin bekannte Natur-Bad so heißt. Das befindet sich auf der dem landwirtschaftlichen Hof der Winters gegenüberliegenden Dorf-Seite, jenseits der einzigen Straße im idyllischen Tal, die ansonsten Hauswalde mit Ohorn verbindet. (Wobei sich die Gelehrten recht erquicklich darüber streiten, ob der Buschmühlen-Teich nun zur Gemarkung Röder oder doch nach Bretnig-Hauswalde gehört, aber das soll an dieser Stelle nicht vertieft werden.)

Eines Tages vor nicht allzu ferner Zeit quert eine kleinere Menschen-Gruppe diese relativ wenig befah-rene Verkehrs-Strecke, um zu den Paarhufern zu gelangen. Die hiesige Kreis-Organisation des Blin-den- und Sehbehinderten-Verbandes (BSVS) hatte im Rahmen ihrer ab dem späten Frühjahr beinahe monatlichen Treffs die Röder-Straße zu Röder im Visier, obwohl das eher ein bescheidener Weg ist. So bescheiden wie Alles im anheimelnd kleinen Gemeinwesen abseits der eigentlichen Gemeinde "am Berge" (wie Ohorns Orts-Bezeichnung in Anlehnung an das Sorbische "o hora" gelegentlich - nicht offiziell - gedeutet wird), dessen Häuser an den Fingern beider Hände abzuzählen wären. Jedenfalls beinahe. Aber einen Namen braucht nun einmal jede Anschrift, so wie die Lamsas auch. Eine späte Leidenschaft der ehemaligen Krankenschwester Jutta Winter, die zwar noch heute auf Stunden-Basis in einer nahe-gelegenen medizinischen Einrichtung aushilft ("weil ich dort Teil eines prima Kollektivs sein kann"), aber keiner vollumfänglichen Tätigkeit mehr nachgeht: Auch sie hat eine Augen-Krankheit. So macht der Treff mit den LeidensgenossInnen gleich noch einen ganz anderen Sinn.
Irgendwann am Anfang des aktuellen Jahrhunderts sei das Ge-spräch im familiären Kreis auf Lamas und Alpakas gekommen, und sie - Jutta - hatte ursprünglich strikt gegen die Anschaffung solcher Tierchen votiert. Bis sie sich, vermutlich vom wesentlich begeister-ten Gatten gesteuert, eines Urlaubs-Tages in den Alt-Bundeslän-dern exakt solchen Vierbeinern gegenübersah. Ob nun Liebe auf den ersten oder aber 25. Blick - das ist heute nicht mehr so ganz genau festzuzurren; jedenfalls hat Ohorn bei Pulsnitz jetzt schon geraume Zeit einen Lama-Hof ... und natürlich eine Lama-Expertin. Nachdem also "E.T." und "Goliath" begrüßt und ein klein wenig mit Trockenbrot beköstigt wurden, geht es auf die Schleife, die selbst-redend nicht ganz so lang ist wie die offiziell via Internet angebo-tene Wander-Route durch den Luchsenburger Wald. Es gilt, Obacht zu geben und Rücksicht auf Tiere wie Behinderte zu nehmen. Da bei den BSVS-Zusammenkünften auch stets Sehende zur helfenden Unterstützung mitkommen, gibt es nicht die geringsten Probleme; erst als sich Frank Barchmann, ein trotz seiner gesundheitlichen Einschränkung sehr Lebens-lustiger Deutschbaselitzer, quasi opfert, die beiden Tierchen auf dem letzten Teil-Stück (die Gruppe hatte inzwischen das Ziel Buschmühle erreicht) zu begleiten, soll einer der Burschen dann doch noch ausgeschlagen haben; vermutlich war es den kastrierten Wallachen - denn das sind "Goliath" wie "E.T." - nicht so angenehm, die Freiheit von Wegen und Wiesen gegen den einheimischen Stall zurückzutauschen.

Für die vollständig Erblindeten blieb in einem solchen Rahmen nur, die Tierchen samt ihres eher rau-hen Fells zu streicheln. Und zuzuhören, was Jutta Winter zu erzählen hat. Über die Unterschiede der Arten, von denen es in den südamerikanischen Anden gleich vier gibt - alle ohne Höcker, dem gene-rellen Unterscheidungs-Merkmal zu den Kamelen der sogenannten Alten Welt, wie sich die Wissen-schaft gerne ausdrückt. Während die kleinere Art der Alpakas, in Mitteleuropa ebenfalls mit zuneh-mender Verbreitung, vordergründig wegen ihrer Wolle geschätzt und gezüchtet werden, haben Lamas mehrheitlich eine Funktion als Last-Tier. Die weniger flauschige Wolle unterscheidet sich deutlich von jener der Alpakas. Und die Schur, so weiß Jutta Winter zu berichten, ist für Mensch und Tier eine bis-weilen recht unangenehme Tortur. Die Gujanakos, noch geringfügig größer als die Lamas, gelten so-wohl als ihre Wild- als auch als ihre Ursprungs-Form, und die ebenfalls in freier Natur belassenen Vi-kunjas gelangten besonders wegen ihres edlen Fells zu Bedeutung; die Inka verwendeten es aus-schließlich für ihre Adligen. Dagegen sorgten die spanischen Kolonialisten für eine alsbaldige Dezimie-rung - weil sie riesige Flächen an Weide-Land benötigten, töteten sie die Vikunjas in großen Mengen.

Heute ist man auch in Deutschland dankbar, dass eine Domestikation von Lamas und Alpakas gelang. Das Fremdwort aus dem Lateinischen meint die Zähmung und Züchtung von Haus-Tieren aus einst nur in der Wildnis verbreiteten. Fernab der praktischeren Nutzungs-Formen haben sich - die Unterschiede eben - neue Anwendungen herauskristallisiert: Speziell die Alpakas spielen auch in der modernen Hei-lung eine immer tragendere Rolle. "Tier-gestützte Therapie" heißt so ein Zauberwort, und in einer Fach-Zeitschrift findet sich der Hinweis auf den Verein "Lebens-Hilfe Brakel e.V.", der im ganzen Land-kreis Höxter (Nordrhein-Westfalen) verbreitet ist und neben vielen anderen Einrichtungen - bei der Gründung in der Mitte der Sechziger hauptsächlich für behinderte Kinder - auch Alpakas zum Einsatz bringt. Ein Experiment, das wohl noch im Anfangs-Stadium steckt; es solle, so heißt es jedenfalls im Internet-Auftritt der Brakeler, untersucht werden, "ob die 'Tier-gestützte Therapie' in Abgrenzung zur Ergotherapie und verschiedenen Kranken-gymnastischen Einheiten für die Ziel-Gruppe geistig behin-derter und/oder Verhaltens-auffälliger Menschen signifikant positivere Ergebnisse erzielen kann. Eine Reihe von Eindrücken bei den bisherigen Therapie-Stunden deuten bereits auf erstaunliche Verhaltens-Modifikationen hin." Dabei, und auch beim Abbau von Depressionen wie Ängsten, können die Tiere je-doch nur eine bescheidene Hilfe sein, wie aus einer anderen Publikation hervorgeht - der Hauptanteil obliege nach wie vor dem Willen des Patienten.
Denn ganz so friedfertig, wie sie erscheinen, sind "Lama pacos" und "Lama glama" dann auch wiederum nicht. Doch selbst in die-sem Punkt - wir ahnen es inzwischen - gibt es Differenzen; das Alpaka, so stellten schon Entdeckungs-Reisende vergangenener Zeiten erstaunt fest, ist störrisch wie ein Esel, lässt sich zum Bei-spiel bei Ausgrenzung aus einer Herde einfach auf den Boden nieder und sei dann nur sehr schwer zur Fortsetzung seines We-ges zu animieren. Die größeren Lamas halten es da schon eher mit den Pferden, schlagen öfters mal aus ... oder spucken halt, obschon weniger in menschliche Richtung, sondern bevorzugt untereinander. Erstaunlich, was sich in kurzer Zeit in Erfahrung bringen lässt. "E.T." und "Goliath" bringt das nicht aus der Ruhe; genüsslich verzehren sie Gräser und Baum-Laub, ihre Hauptnahrungs-Quelle. Und lassen sich von den Barchmanns oder aber von Katrin Kirsten durch die grünende Landschaft führen. Letztere ist so etwas wie die Anführerin der Gruppe, war erst vor Kurzem in den Kreis-Vorstand berufen worden. Die Stei-naerin hat eine vergleichsweise geringe Seh-Behinderung, was den organisatorischen Part ein biss-chen erleichtert. Prinzipiell sind die jährlichen Abläufe fast immer die gleichen: Im Frühjahr ein erster Treff, dann ein, zwei gemeinsame Unternehmungen, gefolgt von einem sommerlichen Grillen, und na-türlich rundet eine weihnachtliche Zusammenkunft das Kalendarium ab.

Wert gelegt wird hierbei besonders auf eine zentrale Ausrichtung der geplanten Aktivitäten: Ohorn oder Bischofswerda (wo dieser Tage das Grillen stieg) sind von allen Punkten des neuen Kreis-Mons-trums gut zu erreichen. Aber die Blinden und Seh-Behinderten denken durchaus anders als die Politik - die Orts-Gruppen kochen nach wie vor jede ihr eigenes Süppchen. Kein Hoyerswerdaer und kaum ein Bautzner stößt zu den Veranstaltungen der Kamenzer. Das mag mit der besonderen Schwere gerade dieser Augen-Krankheiten entschuldbar sein, verdeutlicht aber in hohem Maße den von der Regierung angerichteten Schwachsinn. Alles muss größer, gigantischer, aufgeblähter werden, seien es kommuna-le Territorien oder aber das Gehalt der Landräte, was ja der eigentliche Hintersinn der Kreisgebiets-Verschacherung war. Ein Mensch, der erblindet ist, kann nicht in solchen monopol-kapitalistischen Bah-nen denken; er/sie lebt in einer eigenen, sehr kleinen Welt, die nur die schlimmen Auswüchse des Schicksals kennt.

Katrin Kirsten weiß um diese spezifischen Dinge nur zu gut. Deshalb ist es ihr auch eine Herzens-An-gelegenheit, bei der Mitglieder-Werbung etwas badachter vorzugehen: Jutta Winter - es ward eingangs erwähnt - ist selber seh-behindert, doch "ich mag sie jetzt nicht zwingend zum Beitritt überreden wol-len. Wenn sie von sich aus mitmachen will, dann jederzeit gerne." Vermutlich wird sie das eines Tages tun, die sich selbst gerne als "ein verrücktes Huhn" bezeichnet. Zunächst einmal nimmt sie die ihr an-gebotete Arm-Binde mit den signalisierenden drei Punkten dankend an. Dann entschwinden sie, "Gol-iath" und "E.T." aus dem Blickfeld der Sehenden wie aus dem Hörbereich der teils oder ganz Erblin-deten. "I just wanted to say goodbye" (aus Spielbergs SciFi-Klassiker).

Text & Fotos: SACHSEN-EXPRESS/F.H.













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