Sachsen-Express
+ + + DER BESTE JOURNALISMUS AUS DEM OSTEN + + +
 

Titus und der magische Blick von oben: Gelungene Sonder-Ausstellung im MdW

(sa-ex) Titus hat es bald geschafft. Nein, gemeint ist nicht jener Sohn des römischen Herrschers Vespasian, dessen kaiserlicher Ruhm kurz nach Beginn der modernen Zeitrechnung vor Allem auf der Niederwerfung Jerusalems im Jahre 70 fußt. Unser Titus ist ein "Chamaeleo calyptratus", oder eingedeutschter ein Jemen-Cha-
mäleon. Seit Mitte vorigen Jahres hat er einen gesonderten, da-
rüber hinaus sehr hohen Platz am Ende der Sonderausstellung "Reptilien - Fasziniation Vielfalt" des Museums der Westlausitz in Kamenz. Die Exposition schließt demnächst (am 11. April), und die Frage bleibt, was mit diesem Nachfahren eines Urzeit-Reptils werden soll. Das ja schon schwer zu bekommen war, wie uns Mu-
seums-Zoologe Olaf Zinke verriet: "Diese Tiere gelten als beson-
dere Liebhaber-Exemplare, deren Besitzer sie nicht gerne abgeben oder verleihen. Wir haben bis zu den Zoll-Behörden gesucht und gefragt." Schließlich fand sich Titus. Aber was in Zukunft? "Nach langen Überlegungen", so Zinke, "wurde der Entschluss gefasst, ihn gänzlich zu behalten. Der Baum, auf dem er es sich gemütlich gemacht hat, wird künftig unser kleines Café verschönern." Oha: Lang lebe Titus!

Ob er auch die Gäste von seinem "Ausguck" aus gezählt hat, ist nicht überliefert und überdies leise zu bezweifeln. Das machen noch immer die Mitarbeiter des renommierten Hauses an der Pulsnitzer Stra-
ße selbst. Knappe 25000 sollen es inzwischen geworden sein, was Zinke mit sehr viel Stolz erfüllt. Das vielleicht sogar beste Ergebnis, seit es diese gesonderten Schauen unabhängig von der eigentlichen, direkt Heimat-bezogenen Intention des Museums gibt. Und das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Da kann man die innere Freude des Experten und engagierten Tierschützers aus Skaska (bei Wittichenau) durchaus verstehen. Schließlich ging es bei der Konzeption nicht vordergründig um eine spannende, in freier Natur eher seltener vorkommenden Begegnung zwischen Mensch und Reptil, sondern gleichwohl um die Sensibilisierung für komplexere Themen wie Lebensraum-Zerstörung und illegalem Arten-Han-
del. Ob das geglückt ist, mag niemand genau zu sagen. Da erscheint das Ausgangs-Portal immer auch ein Stück weit wie das (in der Lessingstadt leider nicht mehr vorhandene) Kino: Beim Verlassen der fremden Welt holt uns der Alltag nur allzu schnell ein.
Selbstverständlich mag die zur Verfügung stehenden kleine Fläche nicht annähernd die Vielfalt dessen widerzugeben, was der Oberbegriff Rep-
tilien in Wirklichkeit umspannt: Von den Schildkröten über Echsen, Kriechtiere, Leguane, Blindschleichen, Schlangen, Geckos hin zu den Furcht-einflößenden Krokodilen reicht die Palette. Hierzulande höchs-
tens noch als außergewöhnliche Haustiere gehalten, sind sie global betrachtet durchaus ein fundamenter Bestandteil der Fauna, wenn auch im Rückzug begriffen. Aber das gilt für das Christentum in modernen Zivilisationen genauso. Und speziell die Schlangen sind ein nachgera-
dezu mega-religiöses Tier. Sie galt im Garten Eden als das klügste aller Tiere, die Gott erschaffen hatte, weshalb sie dann auch gleich Eva ver-
führte, verbotenerweise vom Baum des Wissens zu essen. Den Rest kennt der Bibel-Belesene: Der Schöpfer von Himmel und Erde war außer sich vor Wut, bestrafte Eva mit Schmerzen bei der Geburt von Nachfahren, den ebenfalls sündigen Adam mit schwerer Acker-Arbeit bis zur Rückkehr in den Staub der Erde (aus welchem er ihn geformt hatte), und zur Schlange rief er: "Du sollst verflucht sein! Auf dem Bauch wirst du kriechen und Erde fressen, du allein von allen Tieren. Du und die Frau, deine Nachkommen und ihre Nachkommen werden einander feind sein. Sie werden euch den Kopf zertreten, und ihr werdet sie in die Ferse beißen." So steht es geschrieben.

Die Natur-Wissenschaftler haben andere Erklärungen. (Was den manchmal gar zu abstrakt denkenden Journalisten zu der pompösen Frage animiert: Darf ein Gelehrter oder Professor eigentlich gleichzeitig ein Gläubiger sein?) Die Forschung behauptet, dass sich die Urspungs-Formen der Schlangen auf bis zu 95 Millionen Jahre zurückdatieren lassen - ein gewagter Blick in die Vergangenheit, wo wir uns doch schon mit den korrekten Wahrheiten etwa zu Zeiten der Pharaonen schwertun. Die gab's zwischen 4000 und 2200 vor Christi Geburt. Mit Sicherheit jedoch kannten und vergötterten diese alt-ägypti-
schen Herrscher die Schlangen. Die Göttin Wadjet (manchmal auch Uadjet) zierte als Kobra die Kronen aller Pharaonen; von der Stirn aus sollte sie brennendes Gift auf die Feinde des jeweiligen Königs spucken. Nicht gerade appetitlich, aber klug. Und das waren diese eigenwilligen Wesen seit jeher. Hartnäckig hält sich die These, dass sie einstmals Füße gehabt haben und den heutigen Wara-
nen verwandt gewesen sein sollen. Irgendwann haben dann einige dieser Frühzeit-Tiere angefangen, Nahrung unter der Erdoberfläche zu suchen; dabei seien die Füße lästig bzw. überflüssig gewesen, und so hätten sich diese Gliedmaßen mit der Zeit eben zurückgebildet.

Bei einigen wenigen Arten seinen die Ansätze noch heute erkennbar, betont Museums-Mitarbeiterin Daniela. Die junge Frau führt gerade eine angemeldete Gruppe durch die Räumlichkeiten, und wir haben uns quasi gewissermaßen hinterhergeschlichen. Ohne Tarnung. Alle Formen von Schlangen und Echsen sind regelrechte Künstler im Tarnen - das macht der Rundgang schnell deutlich. Mit Titus als absolute Krönung, obwohl dessen farblichen Umwandlungen gar nicht so sehr dem Verstecken, son-
dern vielmehr der Kommunikation mit Art-Genossen dienen. Viele der in der Ausstellung zu bewun-
dernden Tiere passen sich ihrer Umgebung exzellent an - der Falten-Gecko ebenso wie die beiden "Crotalus mitchelli stephensi", einfacher als Gefleckte Klapperschlangen zu titulieren, die es sich in ihrem der Art gerechten Terrarium gemütlich gemacht haben.
Ohnehin ist Improvisation fast Alles, denn nichts basiert hier auf Weite und Größe. Möglichst viele Einblicke gewähren, ohne zu überfrachten, heißt das eine Motto - das andere: Mit dem beschei-
denen Platz haushalten, ohne bieder zu wirken. Beides ist den An-
gestellten und Helfern der Einrichtung im Herzen der Lessingstadt formidabel gelungen. Einen Alligator dürfte niemand der Gäste erwartet haben; ihm wurde eine zeichnerische Gemahnung auf dem Fußboden zuteil. Auch sich flink windende Schleichen sind "live" schlecht möglich; sie gibt es als Laser-Animation an der Wand. Und unter einigen der verglasten Behausungen lässt sich ein Schubfach betätigen, in dem sich ein kleiner Monitor befindet, der mit Bild und Ton vermittelt, was sonst noch zu Stachel-
schwanz-Waran & Co. zu sagen wäre. Als Daniela diese normalerweise in Australien beheimatete Echse ihrer Gruppe eigenhändig präsentiert, erweist sich das ca. 60 Zentimeter lange Männchen als so frech, dass es sich im Ausschnitt der jungen Dame verkrallt - ein Fest natürlich für den schnell reagierenden Fotographen (siehe rechts; die anderen Aufnahmen zeigen ganz oben das Jemen-Chamäleon Titus und in der Mitte einen Falten-Gecko/alle Fotos: SA-EX).

Will heißen: Die bald schließenden Exposition war allein schon von ihrer Machart her ein absolutes Highlight. Aber das ist man ja inzwischen vom MdW-Team um Chefin Friederike Koch fast schon ge-
wohnt. Ob "Die Erde knallt" oder "Tot wie die Dronte" (das ist wirklich schon wieder vier Jahre her?) - immer fasziniert die Verbindung von Bescheidenheit und trotzdem hohen Schau- bzw. Informations-Wert. Ein besseres Kompliment kann man einer vergleichsweise kleinen Einrichtung dieses Natur-wis-
senschaftlichen Typs eigentlich nicht machen. Und der Kreis dreht sich immer weiter; schon werden ab Ende April Malerei & Grafik zu sächsischen wie böhmischen Märchen zu betrachten sein, bevor wieder - das ist ebenfalls liebgewordener Usus - die Archäologen den zoologischen Aspekt verdrängen, dies-
mal mit orientalischen Schätzen aus Privat-Sammlungen der Oberlausitz. Olaf Zinke wird's ganz sicher verschmerzen und an seinem eigentlichen Arbeitsplatz im Schau-Magazin (auch als "Sammelsurium" bekannt) hoch im Norden der Hutberg-Metropole schon am nächsten Projekt tüfteln. Ach ja, und Einer darf ja bleiben: Titus sein Name. Kein Sohn des Vespasian, sondern ein "Chamaeleo calyptratus". Beim Kaffee-Genuss im Museum scheint fortan leichte Vorsicht angebracht, denn der Bursche hat eine verdammt lange und ungemein flinke Zunge. (Nö nö, das war nur ein finaler Scherz: Chamäleons stehen hauptsächlich auf Insekten und keineswegs auf aromatische Heißgetränke ...)













  Login