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++ LESSING-TAGE 2009 +++ LESSING-TAGE 2009 +++ LESSING-TAGE 2009 ++

Bürgermeister Roland Dantz beglückwünscht Janine Szymanowski als Preisträgerin des Schreibwettbewerbs.


SCHÜLER-SCHREIBWETTBEWERB: WARUM EIGENTLICH WAR JULES VERNE KEINE FRAU?

(sa-ex) Einen dichterischen Bewerb durchzuführen unter Schülern erfordert in der Regel thematischen Vorlauf. Von den drei für die diesjährigen Lessing-Festivitäten ausgesuchten Eingrenzungen versprach nur die erste richtig viel Spannung: Utopische Kurzgeschichten über eine Welt ohne Sonne. Keine neuen Gotthold Ephraims waren gefragt, sondern kreative Jules Vernes. Der ließ einst Käpt'n Nemo mit der "Nautilus" ins Meeres-Innere abtauchen. Dies vor Allem muss der Autor jenes Konstrukts vor Augen gehabt haben, der auf dramaturgisch schon sehr ausgereifte Art und Weise einen Tauchgang im August/September des Jahres 2108 vor Augen hatte. Futuristisch, packend, pessimistisch. Fast ebeso bizarr jener Mix aus literarischen Figuren von Buddenbrook bis Instetten (aus "Effi Briest"), die sich zum Duell treffen und dabei - es scheint ja keine erhellende Sonne - nur den sekundierenden Arzt niederstrecken. Das Ganze später von einem Laudator als "amüsantes Spiel mit dem Vorwissen des Lesers" apostrophiert. Beides - Tauchgang wie Pistolero-Zweikampf im Finstern - hätte der unwissende Zuhörer ohne Schwanken einer männlichen Schreibkraft zugeordnet. (Die prämierten Texte wurden, wie inzwischen Usus, von Studenten der Musik-Hochschule Dresden ohne Verweis auf die jeweiligen Autoren vorgetragen.) Die Verblüffung war dann auch umso größer, als publik wurde, dass nur die Duell-Story maskulinen Ursprungs war. Und nicht nur das: Diesem Jakob Seidler vom Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasium in Großröhrsdorf gebührte sogar das Privileg, der einzige Schüler überhaupt zu sein, der sich unter den elf Preisträgern fand - der überwältigende Rest war weiblich. Die "Tauchgängerin" zum Beispiel hieß Maria Bernhardt und bildet sich am Dr.-Wilhelm-Andrè-Gymnasium der Lessingstadt-fernen Metropole Chemnitz.

Schon bemerkenswert, was den heranwachsenden Schönheiten (noch so) Alles durch den Kopf geht. Clara Noack aus Radebeul (Lößnitz-Gymnasium) unternahm eine "Zugfahrt", bei der neben Omi und pudeligem Hündchen auch ein gewisser James Bond (...) mitreiste; und die bereits zum zweiten Mal geehrte - die beiden unterschiedlichen Alters-Stufen machen's möglich - Anne Mühlich (Geschwister-Scholl-Gymnasium Löbau) philosophierte in "Blitzschlag" über einen (grausamen) Abend ohne Fernseher. "Ein geeignetes Brechen mit syntaktischen Bildern", wird ein Jury-Mitglied den Text loben ("syntaktisch" meint - dies als Übersetzung vom Gelehrten-Deutsch ins Stammtisch-Verständnis - die korrekte Verknüpfung von sprachlichen Einheiten im Satz). Besonders liebenswert schließlich kamen noch die "Vier Zahnbürsten an der Wand" der Görlitzerin Janina Szymanowski (August-Annen-Gymnasium) einher; dies eine Trennungs-Abhandlung ohne jeglichen Schmonzetten-Charakter, sondern heiter unterbaut und mit allerlei Optimismus versehen. Wurde unser Reporter beim Abgang von einem Jugendlichen zu seiner Meinung gefragt. Nun denn: Preis-Verleihungen haben immer die Anhaftung der Ungerechtigkeit, und wenn unsere Redakteure alle eingereichten Arbeiten durchkämmt hätten, wäre sicher im Einzelfall etwas Anderes in den Vordergrund gerückt. Da kann man aber andererseits froh sein, dass der Versprecher von Bürgermeister Roland Dantz bei seiner abschließenden Rede wirklich nur ein Versprecher war. Denn der sprach von über 700 eingereichten Dichtungen. Dass wäre für die Begutachter ein zu großer Stress geworden, zumal Moderator Georg Randel darauf verwies, dass alle der in Wirklichkeit "nur" 227 Werke (darunter erstmals auch vom Lessing-Gymnasium Mannheim/Sonderpreis für Henriette Schreurs und ihr Gedicht "Ich bin lyrisch - und wie") quasi gewissermaßen auf den letzten Einsendeschluss-Drücker eingereicht wurden. Aber es waren, soweit wir es aus dem Vorgetragenen entnehmen konnten, durchaus gute bis sehr gute Versuche in den Fußstapfen Lessings bzw. Vernes darunter.


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AUSSTELLUNG: VON SCHILLER, DER LESSINGS "NATHAN" ERST RICHTIG BERÜHMT MACHTE

(sa-ex) In diesem 2009 wird auch des 250. Geburtstages Johann Christoph Friedrich von Schillers gedacht, am 10. November. Schiller ist nicht Lessing, aber beide sind über das Hauptwerk des Geburts-Kamenzers miteinander verbunden. "Nathan der Weise", 1779 vollendet, war zu diesem Zeitpunkt ein reines Lese-Drama und für Theater-Inszenierungen gänzlich ungeeignet. Das wusste auch Lessing, der deshalb sein berühmtestes Stück zu Lebzeiten nie zu Gesicht bekam, abgesehen von ein paar privaten Aufführungen der Ursprungs-Version. Erst nach seinem Tod 1781 nahm man sich - in Künstler-Kreisen längst geachtet - der Geschichte des reichen und weisen jüdischen Kaufmanns aus Jerusalem an und brachte sie auf eine Berliner Bühne. Dennoch erwies sich die originale Fassung als für ein breites Publikum nicht machbar, und also nahm sich der Lessing-Verehrer Schiller - wohl auf Anraten Goethes - des Stückes an und bearbeitete es, um es 1801 am Weimarer Hoftheater zu präsentieren. Daran erinnert jetzt eine Ausstellung im zum Museum der Westlausitz gehörenden Malz-Haus, die am 4. Februar eingeweiht wurde und die nach den Worten von Dr. Sylke Kaufmann ein ziemlicher Kraftakt speziell aus zeitlichem Blickwinkel gewesen sein muss. Die Chefin des Lessing-Museums dankte dann auch in ihrer Begrüßungs-Ansprache den an der Exposition zahlreich Beteiligten, so der gestaltenden Firma INSIDE GRAFIK aus Halle oder aber auch der Orts-ansässigen SACHSEN FAHNEN GmbH & Co. KG. Auf deren edlen Untergründen ist zu Teilen nachzulesen, wie Schiller gekürzt hat - ein Verfahren, das der Film-Historiker auch von unzähligen Leinwand-Klassikern her kennt; einer wie Sam Peckinpah als eines der berühmtesten Opfer der gefüchteten Schere des Cutters würde sich wohl weniger gegrämt haben, hätte er um die früheren Beispiele des Wegfalls künstlerischen Gutes zugunsten höherer Publikums-Wirksamkeit ausgerechnet in der deutschen Literatur-Klassik gewusst. Und auch das: Wirklich Elitäres kann man durch Kürzungen gar nicht entstellen - weder Lessings "Nathan" nahm davon Schaden, noch Peckinpahs >>The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz<<. Es gibt ungeschriebene Gesetze, die wirken über Kunst-Gattungen hinweg wie über Ozeane und verschiedene Jahrhunderte. Allerdings wollte Schiller - das der Unterschied zu Hollywood, das seinen "Picasso der Gewalt" nie mochte und ihn deshalb auch über den Schneideraum drangsalierte - Lessing mit Sicherheit keinen Schaden zufügen. Und die Expreten sind sich einig, dass der Dramatiker und co-führende Kopf der Weimarer Klassik (neben Gorthe natürlich) mit seiner verdichteten Version zum späterhin überwältigenden Erfolg des "Nathans" entscheidend beigetragen hat. Schiller entfernte wenig motiviert erscheinende Äußerungen und reduzierte so den didaktisch-moralisierenden Charakter der Lessingschen Dichtung. Aber er vergriff sich gelegentlich auch an inhaltlichen Dingen; so kam es neben einer Aufwertung des Titel-Helden auch zu einer weniger sympathischen Zeichnung der Sittah-Figur. Konkrete Kürzungs-Beispiele würden an dieser Stelle zu weit führen - fachlich Interessierte sollten einfach mal im Malz-Haus vorbeischauen (Eingang über das Museum der Westlausitz an der Pulsnitzer Straße). Übrigens: Dass sich Kamenz damit als Doppel-Effekt gleichzeitig in die Würdigungen Schillers eingereiht hat (was eine gewisse Einspar-Komponente nicht ausschließt), darf in wirtschaftlich trüben Zeiten als äußerst kluger wie ökonomischer Schachzug gewertet werden.


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VORTRAG: KAFFEE MACHT NICHT SEXY, ABER LEIPZIG HATTE EINST VIEL MEHR VERLAGE

(sa-ex) Ein Schelm, der Dr. Danny Weber. Die Frage, ober es denn in seinen Studiums-Tagen recht wild getrieben habe, prallt an ihm ab: "Und wenn, würde ich es bestimmt nicht sagen." So alt ist er noch nicht, nur schlappe drei Jahrzehnte nennt er als erlebt. Geboren in Räckelwitz, aber Kamenzer, bis ihn die Wissens-Vermehrung nach Leipzig zog, wo er dann eben auch das Glück fand, nach Ende des Kommilitonen-Daseins diverse Anstellungen zu finden. "Staatsarchiv-Referendar" bezeichnet er sich auf seiner noch etwas blass wirkenden Homepage, aber der Historiker scheint inzwischen auch schon jüngere Studierende zu unterrichten, und er schreibt wie ein Berserker - Veröffentlichungen über Veröffentlichungen, so dass die hiesige Museums-Referentin Marion Kutter bei ihrer kurzen Vorstellung des Protagonisten der letzten aller Veranstaltungen der diesjährigen Lessing-Tage gar nicht aufzählen mag. "State and Finance in the Holy Roman Empire from c. 1650 to c. 1800. A Survey" ist in Zusammenarbeit mit Markus A. Denzel gerade in Arbeit. Mutig, mutig ... und so gar nicht "Ringparabel-like". Und da der Lessingstädter seinen bereits zitierten Staats-begünstigten Archiv-Dienst in Nordrhein-Westfalen versieht, freut er sich schon auf seine ab Mai wirksame neue Anstellung an der Deutschen Akademie der Naturforscher "Leopoldina" zu Halle an der Saale.

Mitglied des Kamenzer Geschichts-Verein e.V. ist (oder war) Weber auch. Genau der organisiert den Kehraus seit Jahren unter der grobkörnigen Überschrift "Lessings Lebenswelten". Dazu zählte nun einmal auch Leipzig, wenngleich nur für relativ kurze Zeit, von September 1746 bis August 1748. Und da es wenig Material zum Dichter-Fürsten selbst aus jenen knapp 24 Monaten gibt, lud der Referent des Abends im "Röhrmeister-Haus" vielmehr zu einem Streifzug durch das Leipzig in der Mitte des 18. Jahrunderts sein. Rundgang wäre vielleicht das pässlichere Wort, denn die sächsische Stadt war damals in rund einer Dreiviertel-Stunde zu umwandern und entprach von der Fläche her etwas weniger als dem, was heute den sogenannten innerstädtischen Ring abgibt (der dann auch wirklich in lockeren 45 Minuten umrundet werden könnte). Dass in diesem kleinen Rondell inklusive Pleißenburg, Universität und vielerlei Messe-Gebäuden ca. 30000 bis 35000 Einwohner gelebt haben sollen, erscheint ohne die von der Neuzeit her gewohnten Hochhaus-Bauten leicht unreell, aber muss wohl so gewesen sein. Mit diesem Leipzig-Panorama ist Weber in seinem akribischen Element, und das Wort "akribisch" ist im Kontext eines Geschichts-Wissenschaftlers weiß Gott nicht abwertend gemeint. So erschloss er den Anwesenden die Tatsache, dass damals, um 1748 also, jedes dritte in Gesamt-Deutschland erschienene Buch-Exemplar in Leipzig gedruckt wurde, von Leipziger Verlagen. Jedes dritte! Heute müsste man in etwa die Geduld von Pilze-Suchenden im Trocken-Dickicht aufbringen, wenn überhaupt noch ein messestädtischer Editor ausfindig gemacht werden soll - es gibt wohl noch welche, aber rar, rarer, am Raritätischsten. Und als einer, der seine historischen Weisheiten durchaus angenehm "rüberzubringen" versteht, verweist Weber schließlich auch auf die damals gerade erst aufkommenden Café-Gewohnheiten der Kaffee-Sachsen und die vermeintliche erotische Wirkung des aromatischen schwarzen Getränks. So weit her sei es dann aber doch nicht mit den sexuellen Anreizen, aber das - so der Referent - ist bei Sekt nicht viel anders. Ein vernichtendes Urteil, aber der Mann ist Historiker, und ergo glauben wir ihm. Es war der interessante Schlusspunkt unter sehr Niveau-volle Lessing-Tage.


Auf diesen beschrifteten Stoffbahnen wird in der im Malz-Haus zu besichtigenden Ausstellung auf die Kürzungen Schillers bei der Bearbeitung von "Nathan, der Weise" hingewiesen. (Fotos dieser Seite: SACHSEN-EXPRESS/F.H.)













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