++ Vom Abend mit Kabarettist UWE STEIMLE im "Stadt-Theater" zu Kamenz ++

UWE STEIMLE: "Streusalz" in den Augen jener, die den Ost-West-Konflikt verkennen
(sa-ex) "Man darf auch mal unter Niveau lachen", spöttelt er gegen Ende seiner Vorführungen in den Saal des bestens besuchten Kamenzer Stadt-Theaters. Da hatte Uwe Steimle gerade das Makabernis vorgetragen, wie denn eine italienische Familie ihren verschnupften Vater anreden würde: Natürlich "Papa Rotzi". Eine Zote, zugegeben, aber weiß Gott nicht Stil-typisch für den am Rande der Sächsischen Schweiz beheimateten Komikus - Steimles sonstiges Repertoire umfasst viel Tiefsinnigeres, aus dem Missverständnis der Wiedervereinigung Geborenes. So war das auch kein Gag in Richtung "Schweine-Grippe"; die kam ebenso "glimpflich" davon wie andere Themen von tages-aktuellem Schauwert. Aber die Probleme, die der 46-Jährige aufgreift, haben es umso deftiger in sich.
Man mag sich nicht vorstellen, wie dieser Kabarettist sächsischster Prägung wohl neben Mathias Richling, Bruno Jonas und Richard Rogler ausgesehen und gewirkt hätte. Denn ja doch: Irgendwie muss wohl ein Angebot für den ARD->>Scheibenwischer<< vorgelegen haben, als dieser noch in Bestbesetzung "wischte" und zu begeistern wusste. Nacheinander sprangen erst Rogler und dann Jonas ab - geblieben ist Richling und seine enervierende Dauer-Maskerade. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich schön; wer zuviel will, gerät irgendwann Zwangs-logisch auf die schiefe Bahn. (Das ist jetzt nicht kriminell, sondern rein künstlerisch gemeint). Eines nicht mehr genau zu definierenden Abends jedenfalls saßen sie dann zu Viert bei ARD-Talkerin >>Maischberger<<, um sich gegenseitig den Schwarzen Peter des Steimle'schen Nicht-Engagements in die Schuhe zu schieben: Wenn "Wessis" behaupten, der "Ossi" habe ja gar nicht gewollt, dann sollte das wohl eher heißen, dass sie die schöne TV-"Kohle" viel lieber unter sich selbst aufteilen wollten. Was sie ja auch taten ...
Wir hätten beim Blondschopf gerne mal nachgehakt, wie das damals nun der Wahrheit gemäß war, aber das Zeitfenster ließ Solchiges einmal mehr nicht zu. Ist auch nicht so wichtig; vermutlich wäre Steimle zu der abwinkenden Erkenntnis gekommen: "Streusalz von gestern". Man mag sich andererseits schwer vorstellen, dass der Stichler gegen das alte Westdeutschland par excellence neben dem Trio der Alt-Eingesessenen eine echte Chance gehabt hätte. Steimles Kabarett ist aus einer anderen Verpackung - er muss nicht tausend Bundestags-Gesichter annehmen, um nachdenkenswerte Polit(ik)-Lacher zu produzieren. Die einzige Promi-Parodie, die er sich erlaubt, leistet er sich, weil kein Anderer in deutschen Landen das besser kann als er: Sein "Honny" gilt als legendär (für die Mauer-Jenseitigen oder die Jüngeren: gemeint ist SED-Chef Erich Honecker). Meistens bringt er "ihn" als willkommene Zugabe; in Kamenz gibt's ihn (kurz) schon nach einer runden Viertelstunde. Dafür braucht es auch nicht Kilogramm-weise Makeup a là Richling, denn Steimle wirkt als Bühnen-Person von tief innen heraus. Und wer genau hinsieht, glaubt mehr als nur flüchtige Ähnlichkeiten mit dem Gesicht des verwunschenen DDR-Obersten zu erkennen - sollte dereinst ein Biopic von Margots männlicher Hälfte geplant sein, käme defintiv nur Einer in Frage (nun gut, das haben wir Experten bei Romy Schneider und Yvonne Catterfeld auch geglaubt ...).
Der Titel seines derzeitigen Solo-Programms tut in der Regel - keine Assoziationen, bitte! - nix zur Sache. Ob nun "Mich fragt ja Eener" oder "Uns fragt ja keener" oder "The Wizard of East" (nun ja, auf seiner in der Lessingstadt zur Schau getragenen Gürtelschnalle stand "Gold Digger" - da darf doch eine Verenglischung seines "Zauberers von Ost" mittelprächtig erlaubt sein): In Wirklichkeit will er Anderes. Vor Allem will er beweisen, dass diese deutsche Einheit nicht das Gelbe vom Rührei ist, und auch nicht das (Streu-)Salz darauf. Schon der Auftakt zielt Messer-scharf auf die Wunden des rein Markt-wirtschaftlich ausgebliebenen Wunders: "In der DDR wurden die Betriebe erst verstaatlicht und dann runtergewirtschaftet ..." Mehr bedarf es nicht, um den ersten Beifall zu entfachen. Gleich hinterher: "Und dass das Streusalz zu Ende geht, erinnert mich auch an schlimmste Zeiten!" Den Gag mit den in der Tat verknappten Straßen-Enteisungs-Mineralien wird er noch mehrfach anbringen - er hatte schließlich seine kongeniale weil "Daisy"-aktuelle Berechtigung. Wie die Seitenhiebe auf die Medien-Landschaft, die uns schlechtes Wetter immer noch ein Stück weit schlechter erscheinen lassen: "Das angekündigte Chaos ist ausgeblieben (...) und so geht das den ganzen Tag." Die Mehrheit kann darüber lachen, auch wenn Mitdenken zwingend erforderlich ist. Steimle findet und meistert den Spagat, nicht zu direkt zu attackieren - auch nicht zu verworren - und dennoch verstanden zu werden.
Dafür bedankt er sich bei seinen Gegenübern wie nebenbei mit einem Stoßseufzer, zumal seine Erfahrungen in den Alt-Bundesländern und mit den von dort stammenden Bürgern noch immer den geilsten Stoff für seine Spötteleien abgeben. Ein "Wessi" fragt ihn in Dresden, wie bitteschön das große Fließgewässer heißt. Steimle: "Elbe". Der Andere: "Kann nicht sein, die ist in Hamburg!" Wer solche Antworten erhält, braucht keine Quiz-Sendungen mehr. Oder aber: "Ich habe einen Traum. Ich träume, dass holländische Gemüse-Bauern ihre Tomaten alleine fressen müssen!" Und so weiter, und so fort. Das ist einfach nur amüsant weil voll aus dem Leben gegriffen. Steimle mag gelegentlich einen eigenwilligen, fast unnahbaren Eindruck hinterlassen - wenn er wie hier in Kamenz in seinem Stuhl sitzt und plaudert und plaudert und fragt und fragt und sich die Fragen zum höchst-köstlichen Vergnügen des Publikums selbst beantwortet, dann ist er ein richtig Guter, der trotzdem nicht ganz oben ankommen wird, weil die "Wessi"-Comedians und auch die Kabarettisten von "drüben" die Fleischtöpfe der fetten Verdienste längst unter sich aufgeteilt haben. Und weil reinstes Sächsisch im Ruhr-Gebiet schlechter ankommt als verquastetes Alpen-Hessisch oder so.
Steimle hat sich all diesen Widerständen zum Trotz zumindest im Freistaat in eine kleine Elite gesketcht. Nur so kann er sich seine bösartigeren "Spitzen" auch ungestraft erlauben, die er keineswegs in geringer Anzahl zum Besten gibt. Da fällt dem Hiesigen prompt das Schicksal des O. F. Weidling ein, dessen Todestag sich dieser Tage zum 25. Male jährte. Dem schnitten die kommunistischen TV-Wächter gerne mal die schnittigsten Bemerkungen aus diversen Adlershofer Wiederholungen. In einem "freien" Land sollte sowas nicht passieren? Die "Weber"-Aufführung zu Dresden mahnt kolossal. Steimles unglaublich strenger Blick (ein herrlicher Kontrast zu seinem fein-geistigen Humor) gleitet in Kamenz öfters durch die Reihen, so als wolle er sagen: 'Ich weiß, dass ihr Spitzel-Knochen anwesend seid.' Man könne wegen des Missverstandenwerdens nicht vorsichtig genug sein, meint er bezüglich einer der ganz harten Ausflüge ins Tages-Geschäftliche; da ging es um die Jahrhundert-Lächerlichkeit der Landeshauptstadt namens "Waldschlösschen-Brücke", die wohl angeblich (aber wirklich nur angeblich) im September 2011 fertiggestellt sein soll: "Böse Zungen behaupten, die Einweihung ist am 11. September." Aua, aua, aua ...
Dies werden ihn die Verfassungs-Schnüffler aber weniger angekreidet haben als einen fast noch gehässigeren Anflug in Richtung Stanislau Tillich. Dabei hat Steimle vollkommen Recht. Der Freistaat-MiPrä war im reichlich blamablen CDU-Wahlkampf tatsächlich mit Bus- und Plakat-Aufschrift "Der Sachse" durchs Revier gezogen. Stimmt nicht, denn der Panschwitz-Kuckauer ist Sorbe und als solchiger kein Sachse. Weil es Sorben auch in Preußen - heute Brandenburg - gibt. "Die kriegen ja auch genug dafür" (also für's Minderheiten-Dasein) produziert weniger Lacher, dafür umso heftigeres stummes Kopfnicken. Steimle weiß, wo der Schuh drückt. Thema Globalisierung und Fortschritt: "Wenn ich bloß sechs Schlüpfer pro Woche brauche, kann ich nicht 24 anziehen." Thema Bundeskanzlerin: "Vielleicht sollte man Angela Merkel mal sagen, dass sie ihre Reden nicht allein schreiben soll - es gibt noch Überlebende der Wende." Zu den gerade eben angedachten Nackt-Scannern fällt ihm ein, dass sich irgendein Terrorist die Bombe demnächst in den Allerwertesten schieben wird ("Das werden wir noch erleben!"), und für den Tatbestand, dass im soeben neu (und wie auch immer) zusammengeschusterten Bundestag sage und schreibe 150 Rechtsanwälte reüssieren - unseres bescheidenen Wissens ist eine solche Quote streng Verfassungs-widrig! -, fällt ihm in einem Anflug von vorgetäuschter Resignation nur ein: "Das ist völlig 'gaga', was hier läuft ..."
So quer durchs Gemüse-Beet wie hier beschrieben kommen die Pointen; eigentlich will er immer wieder ansetzen, einen imaginären Dialog zwischen den in den Neunzigern (gemeinsam mit dem Leipziger Tom Pauls) zu lokalem Ruhm emporgewitzelten Herrn Zieschong und Ilse Bähnert zu entspinnen - immer wieder bricht er nach zwei, drei oder acht Sätzen ab, um abzuschweifen, weil das Stichwort das Stichwort stichelte. Solch einen deftigen Verbal-Ulk gibt eigentlich kein Drehbuch her; dass er in mindestens einem Fall die Damen und Herren der vorderen Reihen fragt, worauf er eigentlich ursprünglich hinausgewollt habe, mag in diesem Kontext nicht einmal ein gewollter Zufall gewesen sein. Aber nun ja: Er hat köstlich unterhalten, und das trotz "irgendwie ein paar Krümel auf der Schalmei", wie er seine minimalistischen Erkältungs-Ansätze umschreibt. Womit wir eigentlich wieder bei "Papa Rotzi" wären, aber das war ein Ausrutscher "unter Niveau" - ansonsten bedient der ADOLF-GRIMME-Preisträger eine extrem intellektuelle und zuzüglich unterhaltsame Klaviatur. Geht Steimle in eine Apotheke und wünscht ein ASPIRIN. Fragt die Verkäuferin: "Möchten Sie es als Tablette oder als Gleitgel?" Antwortet Steimle: "Ich hätt's gerne als Radio ..."
'Genossinnen und Genossen: Morgen werden Sie noch nicht erschossen!' (Aber vielleicht übermorgen?) - Nein, solche Sätze hat Kabarettist Uwe Steimle im Kamenzer "Stadt-Theater" trotz des momentanen schwarz-gelben Elends, das uns regiert, nicht vom Stapel gelassen. Aber bissig genug war er in vielen Fragen allemal. (Fotos dieser Seite: SACHSEN-EXPRESS/F.H.)