Humor hier, Besinnliches da: Gunter Emmerlich und "Maddin" in der Westlausitz

"Ariwiedätschi": Martin Schneider (rechts) mit Piano-Begleitung Jochen unlängst im Großröhrsdorfer "Kulturhaus".
(sa-ex) Zwei Unterschiedlichkeiten, vereint durch die Tatsache, die letzten beiden Prominenten zu sein, denen wir anno 2009 unsere Aufwartung machten: Der Martin und der Gunther. Der Eine ein Komikus, der andere Musikus. Gesanglicher Bassist, um genauer zu sein, was man der brummigen Schwere wegen immer mit Schwermut gleichzusetzen gedenkt. Was nicht stimmt, nicht stimmen kann. Als Milchmann Tevje zum Beispiel hat Gunther Emmerlich - im berühtmen Musical "Anatevka" - zu singen, was vor ihm schon Chaim Topol, Zero Mostel (die natürlich in Englisch) und Ivan Rebroff sangen: "Wenn ich einmal reich wär' ..." Das ist überhaupt nicht traurig oder düster - eher beschwingt, ironisch. Nur in puncto Gestik hat der Andere, hat "Maddin" mehr zu bieten. Das braucht er auch für seine Form von Comedy, die er im Großröhrsdorfer "Kulturhaus" zelebriert; Emmerlich hatte in die Kamenzer Kirche St. Marien geladen. Dass der Letztere ein "Ossi", Schneider aber ein "Wessi" ist, sollte im 20. Jahr des Mauerfalls kein Thema sein. Ist es auch nicht - die tiefen Gräben werden so oder so bleiben. Noch lange. Gegenteiligere Darstellungen sind Humbug.
Ein "Wessi", so war einmal zu hören, sucht sich den Partner nach visuellen Standpunkten aus: Wie kann ich mit wem am Besten flanieren und das Meiste er'reich'en? Echte Gefühle sind da seltener im Spiel, fast nie. "Maddin" weiß das und veralbert den Beziehungs-Hickhack in seinen Programmen, von denen eines sinnigerweise nicht "Martin my love" hieß (das sangen vor vielen Jahren Diether Krebs & Gundula, bevor Krebs an Krebs starb), sondern "Maddin in Love". Da noch Tierpfleger, dessen kleiner Zoo zwecks Besucher-Mangel von der Schließung bedroht war. Doch auch sein neuestes Bühnen-Werk widmet sich, inbrünstiger noch, den existenziellen Fragen von Mann bis Frau und alledem, was dazwischensteht. "Ariwiedätschi" verifiziert schon im Titel die missliche Ausgangs-Situation der Trennung von Janine. Oder, wie er im unwiderstehlichsten Hessisch seit Heinz Schenk zu sagen pflegt: Dschannien. Das Publikum wird rasch eingebunden; in Reihe eins hat er Sandra ausgemacht, die er fortan öfters mal anmacht. Ohne das Haupt-Thema aus den Augen zu verlieren, das vom Unverständnis darüber handelt, wie so ein edles Geschöpf von einem maskulinen Adonis wie er von einer Weiblichkeit - Dschannien eben - verlassen werden kann.
Er - die Ausgeburt an Nettigkeit! "Isch war schon zu meiner Hebamme zu nett. Dabei hat die blööde Kuh an mir herumgezogen, da hab isch so 'nen langen Hals gekriecht." Wäre das mal geklärt. Dschannien aber hatte auch noch Anderes zu bekritteln, etwa die zeitliche Länge von Maddin's morgendlichen Verrichtungen im Bad: "Sind zweieinhalb Stunden zu lang?", fragt er nachgeradezu ungläubig sein Publikum, und niemand weint darüber. Die Scheidungs-Gründe sind damit aber längst nicht erschöpft, und "Maddin" wäre nicht "Maddin", hätte er nicht für Alles ihm Vorgeworfene eine vor Logik nur so strotzende Erklärung. Elektrisch Licht auf der - obendrein 300 Meter vom Haus entfernten - Plumps-Toilettchen lehnte er trotz heftigster Forderungen kategorisch ab: "Das zerstört doch die ganze Romantik ..." Wohl wahr. Wenn er zuviel gequasselt hat, wirft Pianist und Gelegenheits-Stichwortgeber Jochen die Orgel an, und Martin Schneider betätigt sich interpretatorisch. Was dann freilich mehr an Chaplins Slapstick erinnert, und weniger an wirkliche Musik. Egal, denn der 45-Jährige lebt nicht vordergründig von "Brüllern", sondern eher von einer übersteigerten Selbstverballhornung, die ihm sein Publikum ohne Bedenken auch abnimmt. "Isch und lahmarschisch? - Läscherlisch!" Und so wird er wohl auch einer eventuellen nächsten Liebe seinen legendären Chili-Sauerkraut-Salat kredenzen. Dschannien hatte da so ihre afteralen Nöte, hatte es zweimal nicht bis zum Klo geschafft. Wir erinnern uns: Dreihundert Meter ...
Genug der Auszüge, denn wir wollen dem Kino-Erprobten (Speedy aus >>7 Zwerge<< I und II) nicht ganz die Pointen und somit mögliche Besucher klauen. Ausverkauft ist auch der Abend in "Gage" nicht, was zu erklären reichlich müßig und/oder spekulativ wäre. Mit 300 gibt "Kulti"-Mitbetreiber Frank Klenner die Zahl der Lachwilligen an, was so schlecht nun auch wieder nicht ist. Diese 300 jedenfalls dürften besser unterhalten worden sein als jene 70000 im Berliner "Olympia-Stadion", die bei Mario B. wohl nur feixen, weil es der Nebenmann ebenfalls tut - vom Bühnen-Guru kommt herzlich wenig. Die Niveau-Unterschiede (und die der Gehälter) sind krass in Comedy-Deutschland. Martin "Maddin" Schneider spielt gewiss nicht in der vordersten Reihe, was bei seinen Qualitäts-Kennzeichen - eben Körper-Witz und Hessen-Akzent - vermutlich auch nicht sein kann; Eberhard Chors ist mit seinem Edel-Sächsisch im Westen bekanntlich auch abgestürzt. Aber er ist immer noch unterhaltend genug - ein Plus in selbst für Humoristen schwierigen Zeiten.
Über fehlende Zuhörer brauchte sich Gunther Emmerlich in St. Marien nicht zu beklagen. Pfarrer Jörg Naumann freute sich in der örtlichen Gazette über einen Besuch wie sonst nur zum Krippen-Spiel. Nun heute ist Heiligabend, was der verspäteten Aufbereitung einen entschuldigenden Sinn verleiht. Denn neu war dies Alles eigentlich nicht; spätestens bei der dritten oder vierten Geschichte, die der Geburts-Thüringer zwischen den festlichen Klassikern von Komponisten wie Georg-Friedrich Händel, Edward Elgar, Gian Franceso de Majo und Max Reger von sich gibt, macht es "Klick": Das hat man schon gehört, als der gleiche Künstler Ende 2006 in der Pulsnitzer Nikolai-Kirche aus gleichem adventlichem Anlass gastierte. Solchiges könnte schnell zum Vorwurf mutieren, tut es aber nicht. Denn die Weihnachts-Geschichte ist ja auch seit über 2000 Jahren die gleiche. Und sie beschämt uns Menschen, die wir Frieden wollen, aber niemals Frieden haben.
Emmerlich vermeidet Aktuell-Politisches; er steht zu sehr im Fokus, um irgendwelchen Unwillen zu provozieren. Einer der wenigen Ostdeutschen, die solch lang-anhaltendes Glück hatten. Ein Glück natürlich genährt von Können. Nur zum Auftakt brennt's unter dem Mantel der Wort-Spielerei: "Gib' den Regierenden ein gutes Deutsch, und den Deutschen eine gute Regierung." Er weiß, und jeder im Gotteshaus weiß, dass wir eine Hunds-miserable Regierung (gewählt ...) haben. Deshalb auch gleich der Schwenk zu einem Autor namens Manfred Hausmann, der in "Ich möchte eine alte Kirche sein" dichtete: "Ich fange mit der Orgel an zu singen - nicht weinen, nicht die Hände heimlich ringen! Hier hinten, wo die beiden Kerzen sind, komm setz dich hin, du liebes Menschenkind! Ob Glück, ob Unglück: Alles trägt sich schwer. Du bist geborgen hier, was willst du mehr?" Also singt er, schön wie immer. Und wenn er es nicht macht, erklingt die von Matthias Hieke geleitete "Vocalharmonie Neustadt", die schon damals in der Pfefferkuchen-Kleinstadt mit von der Partie war. Nicht das Gedächtnis verrät es, sondern das Foto-Archiv. Welches auch Auskunft gibt, dass es beim weiblichen Sopran einen Wechsel gegeben hat, hin zu Jeanne-Pascal Schulze. Vollendetes Profitum bis hin zum letzten Instrumentalisten - kein Muchs rührt sich im Kirchen-Haus an der südlichen Ausfahrt der Lessingstadt; es schien geradezu, als machte die "Schweine-Grippe" für zwei Stunden Pause. (Das sollte sie auch, wenn Könner am Werk sind.) Bleibender jedoch die Botschaften des Gesprochenen; Kästners 1928 gedichtetes "Weihnachtslied" etwa, eine Umtextung von "Morgen Kinder, wird's was geben!", vom Sänger aber keineswegs gesungen, weil mahnender noch in gesprochener Version: "Morgen, Kinder, wird's nichts geben! Nur wer hat, kriegt noch geschenkt. Mutter schenkte Euch das Leben. Das genügt, wenn man's bedenkt. Einmal kommt auch eure Zeit. Morgen ist's noch nicht soweit." Bitterer Sarkasmus in Zeiten von "Hartz IV".
Und dann noch Heinrich Bölls wundersame Erzählung von Tante Milla, die von der Verwnadtschaft verlassen wird, weil sie jeden Tag im Jahr Heiligabend begeht. Was für eine bezaubernde und tiefsinnige Idee in einer Gesellschaft, in der existenzielle Dinge wie Friedens-Hoffnung oder gar Liebe auf wenige Datums im Kalender-Umlauf reduziert werden. Mögen jene Storys leider nicht ganz neu gewesen sein - sie haben an Aussagekraft nichts eingebüßt, passen in den Lichterketten-Monat Dezember. Darauf kommt es an. Musikalisch gab es sowieso nichts zu bemängeln - da waren Spitzen-Handwerker am Agieren. Besonders erinnerlich blieb, wie sich der Neustadt-Chor zu Regers "Schlaf, mein Kindlein" auf der Altar-Bühne wiegte. Da hielt eine grausige Welt wirklich für Minuten den Atem an. Und überhaupt war während des 2-stündigen Konzerts nicht ein einziges Niesen, nicht ein einziges Husten zu vernehmen, trotz des nass-kalten Wetters draußen. Nochmals: Die "Schweine-Grippe" machte Pause. Das ist - so unwahrscheinlich es auch klingen mag - ein riesiges Kompliment ...
Sopranistin Jeanne-Pascal Schulze und Gunther Emmerlich beim Advents-Konzert am Anfang des Monats in der Kamenzer Kirche St. Marien. (Fotos dieser Seite: SACHSEN-EXPRESS/F.H.)