Unsere KULTUR-Redaktion nahm das Stück "DER PARASIT" näher unter die Lupe

Schwieriger Auftakt mit Vater und Sohn: Wolfgang Schmidt (links) als Firmin sen. und Norman Müller als Karl.
"DER PARASIT": Zwei Behauptungen in einer & die Wahrheit auf der dritten Ebene
(sa-ex) Zwei wahre Behauptungen in einer. Der letzte Ausspruch des vom Laien-Theater Reichenau aufgeführten parasitären Schiller-Stückes lautet: "Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne". Regisseur Herbert Graedtke wirft bei der Beifall-umtosten Verbeugung vor dem Publikum hinterher, dass das Zusehen und Geschehenlassen eine gefährliche Angelegenheit sei. Das sei, so auch der etwas zu überschwängliche Rezensent der SÄCHSISCHEN ZEITUNG, "die Botschaft" der Inszenierung. Eine solche Botschaft ist bei strenger Betrachtung nicht zu erkennen. Und dass sich die beiden kurz hintereinander vorgetragenen Zitate von Inhalt und Aussage her elend beißen, ist die zweite knorrige Feststellung des Abends. Der von unserer Schreibkraft mit diesem Gegensatz konfrontierte Hauptdarsteller Uwe Stephan - ein Königsbrücker, der seine zweite Saison auf der Natür-Bühne bestreitet - fand in seiner Antwort salomonische Zurückhaltung: "Es sind zwei wahre Behauptungen." Ja doch, das wissen wir auch. Aber so eng nebeneinander funktionieren sie nicht.
Wiewohl das Stück insgesamt nicht funktioniert als das Gesellschafts-Kritikon, als das es in der hiesigen Presse dargestellt wird. Um einen solchen Effekt zu erreichen, hätten Graedtke & Co. bei anderen Aufführungen "klauen" müssen, die - wie etwa Meinhard Zangers 2005er Version fürs Kölner "Theater im Keller" - das Geschehen zu 100 Prozent in die Moderne verfrachteten. Die Protagonisten im westlichsten der sechs Haselbachtaler Orts-Teile versuchen das in der Schluss-Sequenz auch, aber es bleibt beim Versuch. In der Schillerschen Intention versteht sich "Der Parasit" als leichte Komödie, ohne Anspruch auf Nachruhm oder gar Klassenkampf. Außerdem irrte SäZ-Freund Goldammer ein zweites Mal, als er mutmaßte, das Ganze sei auf des renommierten Dichters "Beobachtungen am Weimarer Hof" zurückzuführen - derweil handelte es sich lediglich um eine 1803 vorgenommene Übersetzung der im Dunstkreis der Revolution verfassten Posse "Médiocre et rampant" eines Franzosen namens Louis-Benoît Picard (1769-1928). Also nix da mit Beobachtungen und Appellen. Stattdessen Französisch zum Schmunzeln mit ein paar Piesackern zum Nachdenken - mehr nicht.
Und so geht die Angelegenheit: Vater Firmin unterhält sich mit Sohn Karl. Der ältere Herr (gespielt von Wolfgang Schmidt) ist ein Subalterner - ergo ein Untergebener - des Minsters Narbonne, sein Filius (Norman Müller) ein Leutnant. Der sich schwer in Charlotte, die Tochter Narbonnes, verguckt hat, sie aber vorerst nicht kriegen kann. Nicht nur, weil der Commis (= Kontorist) nüchtern konsterniert: "Charlotte Narbonne ist eines reichen und vornehmen Mannes Tochter - unser ganzer Reichtum ist meine Stelle und deine Lieutenants-Gage". Sondern auch, weil Narbonne und vielmehr noch dessen Mutter Madame Belmont den dreisten Emporkömmling Selicour für die noch Ledige auserkoren haben. Doch zunächst betritt La Roche (Ingolf Bergmann) die Szenerie; der ist gerade seinen Job losgeworden, wegen Selicour, der die Stelle irgeneinem Vetter zuschanzen will. Also sinnt er auf Vergeltung. Firmin Senior will ihn bremsen: "Nicht doch, lieber La Roche! - Vergeben und vergessen ist die Rache des braven Mannes." Doch als der Gehörnte von Karls Liebe zu Charlotten erfährt, ist der Plan in Sekunden-Bruchteilen geschmiedet: "Dieser Selicour ist in die Luft gesprengt! (...) In seinem Ehrgeiz soll ihn der Vater, in seiner Liebe soll ihn der Sohn aus dem Sattel heben."
Bis das geschieht, wechselt die Handlung erst einmal in Haus bzw. Vorgarten des Narbonne (Martin Krähe), wo Madame Belmont (Eike Klingebiel) heftigst darum bemüht ist, den Minister von Selicour als idealen Gatten für Charlotten zu überzeugen; der Herr des Hauses will den Empfohlenen strengstens prüfen. Seine Tochter aber, die nunmehr auftritt (Ines Andritzke), schwärmt indes gegenüber der Großmama nur von Karl Firmin, den sie von früher her flüchtig kennt. Der amouröske Konflikt nimmt alsbald konkrete Züge an, als Selicour (Uwe Stephan) höchstselbst die Bühne betritt. Noch gibt er gegenüber Narbonne den Eifrigen, da zeigt er - allein mit dem Kammerdiener Michel (Dieter Kapitola) - seine etwas hässlichere Fratze. Ein Versuch von La Roche, Selicour beim Minister anzuschwärzen, scheitert demzufolge auch kläglich. Also muss im Fortgang eine List her. Sie stellt sich ein, weil es der Zufall für willkommen hält: Narbonne gibt bei Selicour ein "Memoire" in Auftrag, in dem sämtliche üblen Zustände aufgedeckt werden sollen, die des Ministers Amts-Vorgänger hatte einreißen lassen. Den Auftrag gibt der dazu wohl kaum Befähigte an Firmin weiter, der freundlich einwilligt, weil der als friedfertiger Naivling eher den Liebes-Torheiten seines Sohnes misstraut, nicht dem eigentlichen "Feind". Dann entreißt der aus der Provinz stammende Selicour dem poetisch veranlagten (und deshalb auch von Charlotten begehrten) Karl ein paar soeben gedichtete Verse. Und sitzt in der Falle.
Denn natürlich ahnt La Roche, dass Selicour sich bei dem Abendessen, zu welchem alle eingeladen sind, als Verfasser des Gedichtes ausgeben wird und er außerdem den Narbonn'schen Auftrag ohne fremde Hilfe nicht in der gewünschten Qualität erledigen kann (er weiß freilich nicht, dass Firmin das längst getan hat). Und so herrscht Begeisterung pur, als das "Memoire" gelesen ist; Narbonne ernennt Selicour ohne Umschweife zum Gesandten. Bis La Roche ein Brief der Narbonne übergeordneten Behörde zu Hilfe kommt - in fälschlicher Auslegung des darin enthaltenen Lobes wird die Entlassung des Ministers und wohl auch des Autors der vermeintlichen Schmäh-Schrift (weil Minister schon damals selten alleine dachten, pardon, schrieben) verkündet. Der daraufhin seine Täterschaft auf Firmin sen. abwälzende Selicour ist überführt ...
Der macht sich mit einer schon längeren Zeit im Publikum sitzenden Neuzeit-Sekretärin aus dem Staub, sich selber mit Banker-Jackett, Sonnenbrille und Handy "bewaffnend". Ein Brückenschlag zur Gegenwart, der erlaubt sein mag, aber zugleich das inhaltliche Dilemma des Werkes ausmacht. Denn es berichtet ja schließlich von ganz gewöhnlichen Dingen, die das Zusammenleben der Menschen nicht seit Urzeiten, wohl aber seit der Herausbildung von Beamtentum und Industrialisierung bestimmen: Karriere-Geilheit, Intrigantentum, Denunziation. Als das Stück an die Stelle des 5. Aufzuges gelangt, in welcher Narbonne monologisierend fragt: "Sind das unsere Freunde, die unsern Lastern dienen?", spendet das Publikum spontanen Szenen-Applaus. Ein wenig deplatziert, möchte der kritischere Beobachter meinen. Denn es gibt eine gigantisch ehrliche Sequenz, die solcherlei Emotions-Ausbruch viel, viel mehr verdient hätte. Aber da schweigte die Menge, und in ihr Einige vielleicht auch innerlich etwas betreten. Es handelt sich um La Roches ersten (vergeblichen) Versuch, den Selicour beim Minister als Scharlatan zu entlarven (wir haben den Dialog im Internet nachrecherchiert):
La Roche: "Sie haben Ihr Vertrauen einem Manne geschenkt, der weder Fähigkeit noch Gewissen hat."
Narbonne: "Und wer ist dieser Mann?"
La Roche: "Selicour heißt er."
Narbonne: "Was? Sel..."
La Roche: "Gerade heraus. Dieser Selicour ist ebenso unwissend, als er niederträchtig ist. Erlauben Sie, dass ich Ihnen eine kleine Schilderung von ihm mache."
Narbonne: "Eine kleine Geduld! Ruft Herrn Selicour!"
La Roche: "Mitnichten, Ihre Exzellenz! Er ist uns bei diesem Gespräch keineswegs nötig."
Narbonne: "Nicht für Sie, das glaub' ich, aber das ist nun einmal meine Weise. Ich nehme keine Anklage wider Leute an, die sich nicht verteidigen können."
DAS war der Clou des Stückes, und nichts Anderes. Weil dadurch dokumentiert wird, dass es zwischen dem Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts und der Gegenwart nicht die leistesten Unterschiede gibt, ausgeklammert den technischen Schnickschnack. Weil es den Chef bzw. Vorgesetzten, der wie Narbonne denkt und ehrliche Aussprache wünscht, in Wirklichkeit nirgends gibt. Weil der hier Unterzeichnende nur allzu oft die andere, die "Meister, ich weiß was: Auf dem Scheißhaus brennt noch Licht"-Methode, kennenlernen durfte - die Unerträglichkeit sämtlichen (geheuchelten) Team-Works. Diese eine Passage überbordeter Ehrlichkeit macht Schillers Adaption der Picard-Humoreske zum echten Hingucker. Der Rest ist alt wie der Wald ... und die Aufforderung, wir sollen "nicht Taten-los zugucken" verhallt im nächtlichen Himmel der Westlausitz. Keiner regt sich mehr - zur Wahl geht nicht mal mehr die Hälfte - das Wörtchen "Protest" wird demnächst aus dem Duden gestrichen. Wir sind eine Nation von Schlappschwänzen geworden, die sich kaum von einer Bühnen-Komödie mobilisieren läösst. So sehr sich das Graedkte und sein Ensemble auch wünschen.
Herbert Graedtkes Inszenierung ist stimmig. Wir werden uns freilich hüten, bei einem Laien-Ensemble schauspielerische Bewertungen nach professionellen Maßstäben vorzunehmen. Allerdings sollte speziell Uwe Stephan die leicht problematische Akkustik beachten; die ist im Freien stets ein wenig komplizierter, und mit den Besuchern im Rücken gesprochene Sätze "vernascht" nicht nur der nahe Straßen-Verkehr, sondern manchmal auch einfach der Wind. Aber das nur am Rande. Die Dekorationen sind sparsam und doch auch sehr Geschmack-voll, und die Auslastung des Areals erscheint ebenfalls optimal. Reichenau ist nicht mehr dänisch beflaggt wie zu Zeiten der "Olsenbande"-Aufführungen (übrigens schon damals vom Radebeuler Graedkte einstudiert). Aber es zeigt im Schiller-Jahr reichlich Flagge für den berühmten Vertreter der Weimarer Klassik. Selbst wenn es sich "nur" um eine Übersetzung handelt. Eine mit zwei Behauptungen in einer und der Wahrheit auf der dritten Ebene - im höchstzulobenden Dialog zwischen Entlassenem und der gebieterischen Instanz.
Entlarvendes Ende: Uwe Stephan als Selicour (vorn), Eike Klingbiel als Md. Belmont, Martin Krähe und Ingolf Bergmann, der den La Roche gibt (von links/Fotos dieser Beitrags, auch Ankündigungs-Seite: SACHSEN-EXPRESS/F.H.).