Sachsen-Express
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+ Wenn ein Autor aus Berlin am 13. Februar in (und für) Dresden recherchiert +

Das ist der Schriftsteller Ingo Schulze, der seine Geburts-Stadt Dresden aus Anlass des 13. Februar besuchte.


AN DER ABSPERRUNG: "WENN WIR JETZT SAGEN, DASS WIR ZU DER NAZI-DEMONSTRATION WOLLEN - LASSEN SIE UNS DANN DURCH?" - POLIZISTIN: "SO SEHEN SIE ABER NICHT AUS."


(sa-ex) Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren, lebt aber inzwischen als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2009 der Band "Was wollen wir? Essays, Reden Skizzen". Am vergangenen Samstag bereiste er Elbflorenz aus Anlass der zu erwartenden Krawalle und schilderte seine Eindrücke der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Wir haben größere Auszüge daraus entnommen (das Einverständnis pro forma vorausgesetzt) und mit Beobachtungen unseres eigenen Chefredakteurs F.H. ergänzt, der dem richterlich geförderten Vandalismus schon seit Langem nur noch Kopf-schüttelnd gegenübersteht!


Ingo Schulze: "Der Zug nach Dresden fährt um 6.36 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof ab. Bin ich ein Radikaler, ein Linker, weil ich mich trotz des Versammlungs-Verbots auf den Weg mache, um mich mit anderen zusammen dem Neonazi-Aufmarsch in den Weg zu stellen oder notfalls zu setzen? (...) Ich hatte mich immer gefragt, warum die Dresdner es zulassen, dass seit mehr als zehn Jahren am 13. Februar Rechtsradikale durch ihre Stadt ziehen. Selbst in einer Kleinstadt wie Altenburg war (unter Mithilfe des Jenaer Aktions-Bündnisses, das mit dem OB von Jena angereist war) es möglich gewesen, durch Sitz-Blockaden diese Umzüge zu verhindern. Diesmal hatte ein Bündnis 'DresdenNazifrei' dazu aufgerufen, sich den Braunen in den Weg zu setzen. Und wir waren bereit, Ernst zu machen.

Doch wie reagierte der demokratische Staat? Es war weder möglich, die Versammlung der Neonazis zu verbieten noch sie auf eine Kundgebung zu beschränken. Möglich war aber offenbar, jene Gegenaktionen zu verbieten, die den Marsch verhindern wollten. In der Presse triumphierte man, dass die Polizei jetzt 'Pepperball'-Geschosse besitze, die dafür gut seien, 'die Radikalen', 'die Rechten' wie 'die Linken' zum Heulen zu bringen. Man trennte die Stadt, mit der Elbe als 'natürlicher Grenze'. Auf der Altstadt-Seite wollte man sich um 13 Uhr zu einer Menschen-Kette versammeln, auf der Neustädter Seite sollten die Neonazis bleiben und damit auch die Gegendemonstranten. Als Versammlungs-Ort wies man den Rechtsradikalen den Schlesischen Platz vor dem Neustädter Bahnhof zu. Eine Tafel erinnert dort daran, dass von diesem Ort aus jüdische Dresdnerinnen und Dresdener in die Vernichtungs-Lager deportiert worden waren. (...) Der Schlesische Platz vor dem Neustädter Bahnhof ist zwanzig nach neun durch Gitter abgesperrt; vielleicht 30 junge Männer stehen in der Mitte. Die Strecke zum Albert-Platz (ungefähr 400 Meter) ließe sich in Polizeiwagen-Längen abzählen.

Als ich wenig später am Albertplatz bin, kommt mir aus der gegenüberliegenden Richtung eine Art Tanz- oder Karnevals-Gruppe rosa gekleideter junger Leute entgegen, die Perücken tragen, geschminkt und herausgeputzt sind. Ihnen folgen die Anderen, die bisher dort stehen. Ich sehe Fahnen der Gewerkschaft, der 'action antifasciste', einer Partei, die sich MLPD nennt. Jemand singt zur Gitarre über Lautsprecher: 'Keinen Fußbreit den Faschisten'. Um diese Zeit sind es hier nicht mehr als 300 Leute, doch es werden schnell mehr. Eine Straßenbahn kommt nur mühsam hindurch, die Autofahrer müssen einen anderen Ausweg finden. Die Polizei schließt die Straße in Richtung Neustädter Bahnhof durch einen Kordon, greift aber nicht ein.

Es ist simpel und mag lachhaft klingen, aber auf die Straße zu gehen, wenn es nicht erlaubt ist, und dort zu bleiben, sind die schwierigsten Minuten (noch eine alte Erkenntnis vom Herbst 1989). Ich kenne niemanden hier, ich rufe ein paar Freunde an. Zwei sind schon auf dem Weg, die anderen wissen noch nicht, ob sie kommen, sie wollen 13 Uhr zur Menschen-Kette. Zwei Mietwagen fahren auf den Platz, einer mit Lautsprecher-Boxen, die Ladefläche des anderen ist eine Bühne. Von der verkündet eine Frau, die sich nicht vorstellt, aber offenbar die Sprecherin des Bündnisses 'DresdenNazifrei' ist, dass dies hier eine genehmigte Kundgebung ist, auf der man gegen das Verbot der Demonstration demonstriert.

Das Verbot der Gegendemonstration macht nun dieses juristische Hick-Hack notwendig, das eigentlich nun niemanden mehr interessiert. Wichtig ist, wie die Polizei reagiert. Nach einer Stunde - es sind jetzt vielleicht tausend Demonstranten da - suchen wir nach einem Ort, an dem es etwas Warmes zu trinken gibt. Dann treffen meine Freunde und ihre Familien ein. Es gibt immer wieder Sprechchöre: 'No, no, no pasaran!', Gewerkschafts-Fahnen, Fahnen der Linken, auch eine blaue FDJ-Fahne ist dabei, JuSos, Attac, DIE GRÜNEN/Bündnis 90 ... und zwischen allen hindurch die Polonaise der rosaroten Samba-Tänzer. Am wichtigsten sind die Nachrichten über die anderen Blockaden. Die Thüringer haben eine Straße blockiert und die Berliner ebenso. Es sind insgesamt wohl fünf Blockaden.

Es beginnen die Ansprachen. Dann singt Konstantin Wecker, ohne Klavier-Begleitung. Danach eine Rednerin, die sich gegen die Diskriminierung des Bündnisses wendet und sagt, dass sie 13 Uhr zur Menschen-Kette gehen wolle. Ein paar Buh-Rufe und dann über Mikrophon der Kommentar: Es könne ja jeder gehen, wohin er wolle, aber gerade um diese Zeit sei es wichtig, hier zu bleiben. Wenn wir gehen, dann marschieren die Neonazis. Von hier aus gesehen ist die oberbürgermeisterliche Menschen-Kette eine Operetten-Aktion. Es passiert dann nicht viel. Man steht da und wartet. So richtig unterhalten kann man sich auch nicht wegen der Musik, der Reden, der Kälte, der Unruhe. Es wird kein Mut verlangt, man muss sich nicht mal auf die feuchte, dreckige Straße setzen. Ein paar Jungs haben einen Fußball dabei. Unter den etwa dreitausend sind auch ein paar angetrunkene, in der Kälte bibbernde Punks.

Manchmal bewegen sich die Polizisten in ihrer Montur zum Rhythmus der Musik. Mit ihrem Plaste-Beinschutz ähneln sie Robotern. Einige Gesichter erkenne ich mittlerweile wieder, viele Frauen sind unter ihnen. Wichtiger als Reden und Musik sind die Durchsagen von den anderen Blockaden. Denn wenn eine aufgelöst wird, sind wir hier vergeblich da. Ein Freund schlägt vor, dass man sich in Richtung Hansa-Straße auf den Weg macht, denn die Wahrscheinlichkeit sei wesentlich größer, dass man die Neonazis aus der Stadt hinauslaufen lasse. Das Gehen ist angenehm, aber schon nach ein paar hundert Metern ist Schluss. Eine Polizistin, den schwarzen Helm vor dem Bauch, erklärt uns, dass wir hier jetzt nicht durchkommen, 'und Hansa-Straße ist jetzt gerade ganz schlecht'. 'Und wenn wir jetzt sagen, dass wir zu der Nazi-Demonstration wollen, lassen Sie uns dann durch?' - 'So sehen Sie aber nicht aus, als wollten Sie dahin.'

Es bleibt jetzt nur zu hoffen, dass an den anderen Stellen genügend Leute sind. Wegen unseres Ausfluges verpassen wir die Rede des Jenaer Oberbürgermeisters Albrecht Schröter, eines Sozialdemokraten, der mit mehreren Bussen des Jenaer Aktions-Bündnisses hier ist. Franziska Drohsel, die JuSo-Vorsitzende, berichtet von einem Angriff der Neonazis auf ihre Gruppe - 'wir sind weggerannt, etwas anderes blieb uns nicht übrig'. Aber jetzt seien sie viele. Und die Polizei ist offensichtlich auch da. Die Polizei ruft in größeren Abständen immer wieder dazu auf, den Platz zu räumen. Die bisher gebilligte Demonstration gegen das Versammlungs-Verbot ist mittlerweile nicht mehr gebilligt. Nach einigem Hin und Her erklärt sich die Versammlung zum Volks-Fest."


An dieser Stelle bricht der Autor ab. Vielleicht noch ein paar Ergänzungen unseres Chefredakteurs: Am Abend kehrt nur langsam die Normalität zurück, oder das, was davon übriggeblieben ist. Ärgerlich, dass nicht einmal der Markt am Neustädter Bahnhof geöffnet hat, um die obligaten Einkäufe tätigen zu können - auch das schafft neuerdings der 13. Februar. Der Zeitungs-Verkäufer im Bahnhof pustet durch; "es war schon schlimm" kommentiert er das Geschehen, das er durch die Scheiben seines Ladens relativ gut einsehen konnte. Immer mal wieder was Anderes: Nach dem Schlesischen Platz wird es wohl 2011 wieder einen neuen "Party-Ort" geben. Vielleicht auch geben müssen, denn es war auch in anderer Hinsicht deftig: Nicht nur, dass der komplette Straßenbahn-Verkehr der Innenstadt komplett lahmgelegt war - die Linie 4, die ansonsten von Radebeul im Nordwesten nach Laubegast im Südosten verkehrt, wurde entlang der Äußeren Neustadt - und (un)sinnigerweise entlang der Friedens-Straße! - von Karl May Städtele nach Klotzsche umgeleitet; gut maximalstens für unser Personal, das sonst vermutlich überhaupt nicht vom Heide-Friedhof auf den Heller gelangt wäre, wo Bezirks-Fußball auf dem Redaktions-Plan stand - und erstaunlicherweise zur Durchführung gelangte. Keine Ahnung, wie die Dobritzer den Weg durchs Rest-los verstopfte Elbflorenz fanden; vermutlich hatten sie schon am Freitag in irgendeinem Hotel in Flughafen-Nähe "eingecheckt" ...

Schlimmer noch als dies aber waren die Gleis-Blockaden, sodass selbst der S-Bahn-Verkehr teilweise zum Erliegen kam. Noch am Abend darf das Gefährt aus Meißen nur Schritt-Gescvhwindigkeit fahren, weshalb unser Personal ab Haltepunkt Pieschen den "Wanderer-Orgasmus" vorzieht. Vorbei an langsam zum Aufbruch rüstenden Beamten, und vorbei auch an den neben der Hansa-Straße geparkten Bussen, in denen sich die Fahnen-Schwenker des offenbar rechten Lagers zwängen. Nur die Hubschrauber-Kolonnen fehlen; als es zur Mittags-Stunde auf gleicher Route (nur eben in der Tram) zum nächsten Termin ging, kreiste eine Kolonne von gleich sechs (!) Propeller-Aggregaten hintereinander über just diesem Sektor - keine normalen Polizei-Helikopter, sondern trichtig schweres Gerät; es fehlte eigentlich nur noch das Napalm, und Freund Francis Ford Coppola hätte ein Remake von >>Apocalypse Now<< quasi direkt neben dem Kino "Schauburg" drehen können! Wer das nicht live und in Farbe gesehen hat, darf das Wochenende mit sehr viel Recht als ungelungen betrachten!

Bei allem Aufwand, den das grüne oder neuerdings dunkelblaue Beamten-Personal betrieb - es funktionierte längst nicht Alles. Auf dem Weg von der offiziellen Kranz-Niederlegung in Richtung Haltestelle der Linie 4 auf schon Radebeuler Terrain fiel von Weitem ein Mob (keine AHnung ob "R" oder "L") auf, der sich in Richtung Dresden bewegte und der sich offenbar in der Nachbarstadt getroffen hatte, ganz ohne Wissen der Polizei. Je die näher Straße rückte, desto amüsanter wurde das Bild, denn kurzfristig an die Wein-Straße verlegte Einheiten der Uniformierten nahmen die Laufschritt-intensive Verfolgung besagter Zusammenrottung auf, und man bekam echt Mitleid mit den älteren Jahrgängen, die in ihren Panzer-Westen doch elend nach Luft jappsten, um den mehrheitlich jüngeren Kollegen folgen zu können. Der Staat sowieso; gerade wurde über den Bundeswehr-Einsatz im Innern debattiert. Der sei inzwischen vom Tisch, berichtete eine Dresdner Gazette pünktlich zum Tage. Muss ja auch nicht sein, wenn man die Legionen an "Bullen" sieht, die sich zum "feierlichen Gedanken" in Elbflorentinien einfanden. (Von den Hunderschaften in Zivil, welche die Bürgersteige so "unauffällig" bevölkerten, das sie rund 50 Meilen gegen den Wind auszumachen waren, ganz zu schweigen.)

Die offizielle Polizei-Bilanz wird in den DRESDNER NEUESTEN NACHRICHTEN mit "schwierig" beschrieben. "Die Lage war mitunter unübersichtlich", wird ein Presse-Sprecher der Ordnungshüter das verharmlosen, was wir - wie nebenbei - an besagter Stadt-Grenze beobachteten. Aber Lügen gehören zum Geschäft, und gerade die erzkonservative DNN hat es seit eh und je nicht nötig, ordentliche Journalisten sachlich über das makabre Brimborium berichten zu lassen. Das müssen schon Schriftsteller aus Berlin (für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG) oder eben die Fußball-Redakteure des SACHSEN-EXPRESS übernehmen. Noch einmal die Birgel-Schmonzette: "Geithner verwies darauf, dass beide Lager bereits im Vorfeld sehr aggressiv ihre Gefolgsleute auf den 13. Februar eingestimmt hätten. Im Unterschied zu früher habe es diesmal eine klare Situation bei den Anmeldungen für die Versammlungen gegeben: 'Die Realität sah am Vormittag aber anders aus. Wir hatten um den Neustädter Bahnhof herum mehrere Spontan-Demonstrationen.' Aufgrund der großen Teilnehmer-Zahl habe die Polizei diese Blockaden nicht räumen können." Das wiederum verleitete den Chemnitzer Politologen Jesse zu der Feststellung: "Eine Niederlage für den Rechtsstaat! Die Neonazi-Gegner haben sich über Recht und Gesetz hinweg gesetzt. Wenn Gerichte den Rechtsextremen einen Aufmarsch gestatten, muss dieser gewährt werden." Mein Gott: In Sachsen setzen sich seit der Ära Milbradt fast alle Richter und Staatsanwälte über geltende Rechte und Gesetze ohne jede Scham hinweg - da werden das wohl Nazi-Gegner auch können! Sonst nämlich dürften die Selbstbeweihräucherungen von Tillich, Orosz & Co. als geistige Unvollkommenheiten abgeheftet werden.

Tja, was blieb vom Tage? Der Staat hat Macht demonstriert. Aber nur innerhalb Dresdens. Schon in Radebeul hörte seine Stärke auf. Und abends dann, auf den Heim-Fahrten, machten die Braunen ihrem Ärger von Pirna bis Thüringen erst so richtig Luft. Da war dann keine Polizei mehr präsent. Das sollte überhaupt die Strategie für den 13.02.2011 sein: Demos der Rechten und Linken überall anmelden, von Riesa bis Oybin, von Niesky bis Reinhardtsgrimma - und so die "Bullen" in alle Einzelteile wie Wind-Richtungen zersprengen. Das gäbe vielleicht ein Gaudi! Solange geschmierte Richter beide Lager den Missbrauch dieses Gedenktages erlauben, dürfen sich die demokratischen wie weniger demokratischen Kräfte des Landes durchaus Kreatives einfallen lassen, um den eigentlichen Verursachern der Randale - die Obrigkeit aus Politik und Justiz! - gehörig in den Schwanz zu beißen ...


Selbst für ein "Party-Zelt" hatten die Grünen am Versammlungs-Ort der Brauen gesorgt (wobei die "Grünen" hier selbstredend die Polizei meint). Es ist schon ein öffentlicher Jammer der übelsten Sorte, den sich Dresden Jahr für Jahr am 13. Februar leistet. (Fotos dieser Seite: Repro - oben - und SACHSEN-EXPRESS/F.H.)













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