+ Vom Auftritt des irischen Folk-Interpreten BOB BALES in der "Kultur-Mühle" +

Bob Bales bedient die irische Rahmen-Trommel "Bodhrán" - ein die Handgelenke stark belastendes Instrument.
I HAD FOUR GREEN FIELDS, EACH ONE WAS A JEWEL
BUT STRANGERS CAME AND TRIED TO TAKE THEM FROM ME
I HAD FINE STRONG SONS, WHO FOUGHT TO SAVE MY JEWELS
THEY FOUGHT AND THEY DIED, AND THAT WAS MY GRIEF SAID SHE."
(Aus dem irischen Folk-Song "Four Green Fields".)
(sa-ex) "Ein Künstler hat das Recht, irgendwo auf dieser Welt und an irgendeinem Platz zu leben und zu arbeiten. Nur was er schafft zählt - nicht wo er es macht." Ein Zitat. Nicht aus der Heiligen Schrift, aber von einem der Heiligen der Film-Welt. Regisseur John Huston sagte Solchiges. Ihn als US-Regisseur zu bezeichnen, ist nämlich trotz des Faktums, dass er die großen Streifen seiner frühen Karriere allesamt im pulsierenden Hollywood der Vierziger abgedreht hatte, nicht richtig. 1964 war er irischer Staats-Bürger geworden, hatte schon früher viele Drehbuch-Sitzungen u.a. im Dorf Craughwell abgehalten. Die üblen Auswüchse der Kommunisten-Jagd in Amerika einerseits und die Aussichten auf toll-dreiste Fuchs-Jagden andererseits hatten ihn auf die grünste aller Inseln geschwemmt. "Ich lebe gern in Irland", hatte er gesagt, als er noch lebte (gestorben war er 1987).
Man wurde an Hustons Zitat erinnert. Nicht, weil seine >>Bibel<<-Adaption unlängst Gegenstand einer unserer berühmt-berüchtigten Film-Analysen werden sollte (was aber wegen des Sport-Stresses kaum gelingen wird). Sondern ganz anders. Eines Freitag-Abends war Beppo Pohlmann für die nahe "Kultur-Mühle" angesagt, und ein Blick auf dieses Überbleibsel aus den Gründungs-Tagen der Gebrüder Blattschuss (wer nur schrieb in diversen Annoncen von "Plattschuss"?) schien kurz vor Ausbruch der annualen karnevalistischen Revolution durchaus nicht unangebracht. Allein: Der Beppo konnte nicht, hatte sich einen bösen Finger-Unfall zugezogen. Stoff für einen Kino-Reißer, nur nicht von John Huston - David Lynch gilt als der Copyright-Halter für abgehackte Finger und Ohren etc. Die Kultur-Müller suchten Ersatz und fanden ihn in Bob Bales. Der hat weiß Gott nichts mit überlänglichen "Kreuzberger Nächten" am Hut. Dafür umso mehr mit Irish Folk. Kein wirklicher Kontrast, denn Musik ist nun einmal Musik. Und ein Jeder hat schließlich das Recht, sich irgendwo auf dieser Welt an irgendeinem Platz den Finger abzuhacken, um es mit dem Éire-Fetischisten Huston zu sagen. Kamen wir wenigstens in den Genuss von Bales. Endlich.
Adrian Robert Bales ist nämlich fast Stammgast in Bischheim, ohne dass wir diesen Werbe-Giganten urkeltischer Musik-Kunst je zu Gesicht bekommen hätten. Stammgast mag übertrieben klingen; runde zweimal pro Jahr führten ihn seine Geheimnis-vollen Wege ins Tal von Haselbach und Weißbach. "Irish Night" nannte sich das treffend - mal in der Mühle, mal im hiesigen Pfarrhof. Es hatte unsererseits zeitlich nie gepasst. Dabei ist irischer Folk ein zwingendes Muss für den bekennenden Country-Freak wie -Experten. Amerikas volkstümlichste (weiße) Musik-Form hat seine Wurzeln zu großen Teilen in der Folklore der "Celtic music". Die Balladen voller Schwermut wurden hinübergetragen über den Großen Teich, angereichert nur durch die unverwechselbare Steel Guitar, die der Insel-Westeuropäer von einst natürlich noch nicht kannte.
Es gab eine Zeit, das durfte der Ire überhaupt keine Instrumente kennen, berichtet Bales, dessen Deutsch so Sonnen-klar und beinahe ohne jeden Akzent einherkommt, dass in ihm ein hiesiges Einwanderer-Kind zu vermuten wäre. Aber dem ist keineswegs so; irgendwo im armen Westen des Eilands - wo auch Hustons Craughwell im County Galway liegt - ist er aufgewachsen. Sein Geburts-Jahr ist nirgends zu finden, nur ein Hinweis darauf, dass er seit 1982 "im Geschäft" ist, wie es so schön heißt. Die einheimischen Bands Gael Force 8 und Ratling Strings hat er geprägt. Aber das muss verdammt lang her sein; die Frage, wie bekannt er in Irland ist, negiert er völlig: "So etwas wie Stars kennen wir dort nicht. Man kann sich mit jemand wie Bono ganz normal in einer Kneipe treffen und sich unterhalten, so wie wir jetzt." Oha! Ob Johnny Logan auch so denkt, sei dahingestellt (wer Bono ist, muss ja wohl nicht erläutert werden).
Ob Bales genau "wir dort" gesagt hat, ist dem Autor nicht mehr 100-prozentig erinnerlich. Aber es würde in jedem Fall hervorragend passen. Denn "dort" kann er allem Vernehmen nach schon lange nicht mehr gewesen sein; von drei Jahren in Polen berichtet er, auch von wundersamen Nächten in China; von durch ihn mitbestimmte keltische Bands etwa in Österreich (IrishSteirish) weiß man, von Projekt-Gestaltungen wie "The Art of Culture" im Rahmen jenes Jahres, in dem das rumänische Sibiu eurpoäische Kultur-Hauptstadt war (2007), ist zu lesen. Ein Tausendsassa. Schon sind neue Konzerte in Planung, mit neuen Bands und alten Freunden - irgendwo zwischen Tours in Frankreich und Hoyerswerda gleich um die Ecke. Eine Sekretärin? - "Nein." - Ein Nomaden-Leben? - "Man könnte es so bezeichnen ..." Das Mittelalter lässt grüßen, mitten im beginnenden 21. Jahrhundert.
Aber im Mittelalter waren wir ohnehin vorhin stehengeblieben. 1649 fiel England unter Oliver Cromwell über die Insel her, um den katholischen Widerstand gegen den Protestantismus des britischen Königshauses zu brechen. Was blutig geschah und drei Jahrhunderte vorhielt (Unabhängigkeit erst 1949). Zu den Repressalien der Besatzer gehörten seinerzeit auch das strikte Verbot der Anwendung von Irisch als Sprache wie auch die Verwendung national-typischer Instrumente. Unter Androhung der Todes-Strafe, wohlgemerkt. Wie jedes unterdrückte Volk erwiesen sich die Iren als erfinderisch; die "Penny Whistle" wurde aus Messing gefertigt und konnte jederzeit als Wert-loses Stück Blech "entsorgt" werden, falls schnüffelnde Okkupanten ins Haus schneiten. Gleiches galt für die "Bodhrán": Eine Rahmen-Trommel, bei der ein einfaches Haushalts-Sieb mit einem Ziegenfell bespannt wurde - kam der Feind, wurde die "Haut" zügig entfernt und das Sieb reaktiviert. Bob Bales singt an diesem kalten Januar-Abend ein paar seiner Songs mit "Bodhrán"-Untermalung; man ist dankbar für den Geschichts-Schnellkurs und staunt Bauklötzer über die Extrem-Belastung der Handgelenke: "Ich selbst mache nicht so viele Lieder pro Auftritt mit diesem Instrument, aber es gibt auch Profis, die das einen ganzen Abend lang durchstehen."
Diese schnelleren Stücke sind musikalisch Gewöhnungs-bedürftig und sicher nicht jedermanns Sache. Richtig phänomenal wird Irish (oder eben Celtic) Folk, wenn die langsamen Balladen zum Vortrag kommen. Dabei träumt sich der Zuhörende schnell auf eine Wiese bei Knockgraffon, an die Klippen von Moher oder in einen Sonnenuntergang am Redwood Castle. In diesem Zenit trifft sich das Europäische mit dem Sound von Nashville, mitunter auch in der Klarheit der Texte. Selbst wenn es nicht um den am nächsten Morgen aufzuhängenden Tom Dooley geht, sondern um Molly Malone, die viel zu früh an einem Fieber verstorbene Dubliner Fisch- bzw. Meeresfrüchte-Verkäuferin, der sogar ein Denkmal in der hauptstädtischen Grafton Street gewidmet wurde, obwohl nicht bestätigt ist, dass der äußerst populäre Song einer ganz konkreten Person gilt. Bob Bales betont die für ihn weitaus spezifische innere Bedeutung als "ein Lied, das überhaupt geschrieben wurde für ein einfaches Mädchen" ... und lädt das kleine Mühlen-Publikum prompt zum Mitsingen des relativ einfachen Refrains ein: "'Alive, alive, oh! Alive, alive, oh', crying 'cockles and mussels, alive, alive, oh'." Und man bedauert für einen kurzen Moment die geschlossene Türen befehlende Kälte der Schnee-Nacht, denn diese wundersam einfache Weise hätte sich auch als melodiöser Teppich über den Dächern eines sächsischen Dorfes ausbreiten können.
Nicht die einzige Ballade, die Bales in petto hat. Von "Carrickfergus" hören wir, und - besonders Herz-erwärmend und doch auch arg protestlerisch - von den "Four Green Fields" (bei YOUTUBE u.a. in einer Version von Jim McCann and The Dubliners abrufbar); ein von Tommy Makem 1967 uraufgeführtes Stück, welches nur entfernt daran erinnert, dass im alten Irland Land-Besitz unter den Söhnen einer Familie aufgeteilt wurde, so dass die entsprechenden Äcker bisweilen sehr klein wurden. Doch es geht gleichwohl (und Deutungs-schwangerer) um die Kolonialisierung des Insel-Staates durch die Briten und den Nordirland-Konflikt: Die "vier grünen Felder" symbolisieren die gleiche Anzahl an Provinzen, wobei Ulster - die nördliche eben - noch immer in der Hand des Königreichs ist. Was schnell zu Interpretations-Problemen führte: Die Text-Zeile "but my sons have sons, as brave as were their fathers" (dt. "auch meine Söhne hatten Söhne, so mutig wie ihre Väter") wurde als Unterstützung militanter Gruppierungen wie der IRA kritisiert. Irland, ein wirtschaftlich noch immer rückständiges EU-Mitglied - das gewusst haben wird, warum es sich so lange sträubte - hat sich seinen Stolz und seine Eigenheiten bewahrt.
Bob Bales ist ein wunderbarer Botschafter dieser schönen und doch auch wilden Nation. Musik hat noch immer und zu allen Zeiten diverse Grenzen überwunden. Am Ende dieses Abends wird er sich bedanken dafür, dass seine einfachen Vorträge, seine stimmigen Balladen nicht gestört wurden durch Nebengeräusche, die den Genuss verhageln: "Mancherorts muss man viel Technik auffahren, nur um die Geschwätzigkeit der Leute zu übertönen." Das war an diesem Freitag an der Haselbachtaler Jahnstraße nicht nötig. Einem abgehackten Finger sei Dank. Der wandernde Barde wird wiederkommen, und er wird einen Verehrer mehr haben. Auch wenn der Eindruck kaum täuschen mag, dass es ihm gar nicht so sehr um seine eigene Person geht: Er will Anerkennung für Irish Folk, für seine Grüne Insel. Mithin, selbst das scheint ihm spielend leicht zu gelingen - man muss nur gut zuhören können. Dann wirkt sogar die letzte Logik des Konzerts im minimalistischen Rahmen; nämlich die vom "Treff" der irischen Balladen-Kunst mit der besten Film-Ballade aller Zeiten. Das ist und bleibt bis in alle Ewigkeit Sam Peckinpahs >>Pat Garrett jagt Billy the Kid<< von 1973. Bob Dylan hatte den kongenialen Soundtrack verfasst und Slim Pickens' trauriges Sterben mit "Knockin' On Heaven's Door" untermalt. Bob Bales sang mit seiner sanften Stimme auch dies. Genial ...
Abschied mit einem "Gebet" fürs Wiederkommen: Bales mit Mühlen-Müller Jens Reuter (rechts/Fotos dieser Seite: SACHSEN-EXPRESS/F.H.)