+ Von der diesjährigen Verleihung des LESSING-PREISES in Kamenz berichtet +

Gruppen-Bild zum Abschluss der Preise-Verleihung im Rathaus. Von links Bürgermeister Roland Dantz, Dirk Laucke, Kultus-Ministerin Dr. Eva-Maria Stange, Laudatorin Ulrike Draesner, Ulrike Almut Sandig und Kito Lorenc.
VON EINEM PROVOKANTEN, EINER STREUMERIN & EINEM DEUTSCH-SORBISCHEN RÄTSEL
(sa-ex) LESSING-PREIS und anhängliche Förder-Preise haben ihre Alters-bedingte Struktur. Die Ersteren gehören dem gesetzten Alter, die Anderen der fortgeschritten Jugend. Nicht der eigentlichen, der jugendlichen Jugend - die darf sich ihren Lorbeer erst am 30. Januar abholen, wenn im Stadt-Theater der Schüler-Schreibwettbewerb prämiert wird. Nach Schule und Gymnasium kommt das Studium, dann die ersten Sprossen der Karriere-Leiter. Nicht immer glückt der Ausflug ins Hörsaal-Wissen; Ulrike Almut Sandig hat über sechs Jahre lang Journalistik studiert, um dann hinzuwerfen. (Wenn man das Elend in Sachsens Redaktionen begutachtet, fragt man sich ernstlich besorgt, was die Kommilitonen während dieser gigantischen Zeitspanne - denn das aberwitzige Studium dauert in der Regel tatsächlich so lange - an in der Praxis unbrauchbaren Gehirn-Fasching verabreicht bekommen.) Dann jedenfalls schwenkte die in Nauwalde bei Gröditz Geborene auf Indologie um, und das ergab wenigstens einen Abschluss. "Und eigentlich habe ich gar keinen Beruf", sagt sie in ihren samstäglichen Dankes-Worten, was eigentlich auch nicht stimmt: Diverse Quellen weisen sie als freie Autorin und Redakteurin der in Leipzig erscheinenden Literatur-Zeitschrift EDIT aus.
Bei Dirk Laucke war das kaum anders. Auch er brach ab - kein mediales, wohl aber ein Psychologie-Studium. Man mag es dem kantigen Hauptstädter mit Wurzeln in Schkeuditz (geboren) und Halle/Saale (aufgewachsen) nicht so recht abkaufen, das "Seelenklempnerische" im Künstler. Szenisches Schreiben lautete denn auch sein späteres Fach an der Universität der Künste zu Berlin. Und doch handelt sein erstes Drama ("Symptom") von einer Psychatrie-Patientin, die dem Wahn verfallen ist, Ulrike Meinhof zu sein. Es muss, seziert man Lauckes kurzen "Auftritt" im Rathaus der Lessingstadt, ein ziemlich rustikales Stück Theater sein, dem alsbald der Umschwung zu rein erdigen Themen folgte: "Hier geblieben!" (2005) fokusiert das Schicksal minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland. Sogar ein Film kursiert schon, der es aber nur in diverse Programm-Kinos schaffte. >>Zeit der Fische<< darf als Hommage Lauckes - der das Skript verfasste - an das eigene Heranwachsen im Anhaltinischen betrachtet werden. Jedenfalls ist in "www.halleforum.de" zu lesen: "Ganze neun Drehbuch-Fassungen brauchte es, um >>Zeit der Fische<< der Endfassung zuzuführen. Besonders die Schluss-Sequenz war im Blickpunkt der Änderungen. Nicht zu positiv und nicht zu negativ sollte es werden - offen ist es geworden, besser als ein unwirkliches Happy-End. >>Zeit der Fische<< ist ein interessanter, aber zu einseitig geratener Einblick in den Verfall eines Viertels und das Leben seiner Bewohner."
Diese neun Versionen sagen viel über den Kreativen und begründen eine der Kern-Aussagen seines Laudators Jörg Mihan, die da lautete: "Dirk Laucke ist der Beweis dafür, dass es junge Talente gibt, die sich ihren Erfolg erarbeiten, die ausgebildet, gefördert, gespielt, besprochen und sogar prämiert werden. Das heißt, ihr Format wird beizeiten erkannt und gewürdigt, und sie kommen mit einer Portion Glück in gute Hände und auf tragfähige Gleise." Mihan, der als Dramaturg gerade an der Inszenierung zweier Laucke-Stücke ("alter ford escort dunkelblau" und "Wir sind immer oben") am Berliner "THEATER 89" beteiligt ist, gab dann aber, vermutlich ungewollt, einen Vorgeschmack auf die seltsame Dankes-Rede des übrigens nicht zum ersten Mal Ausgezeichneten: "Er kennt sich aus, er schreibt nicht von oben herab. Er ist fast noch teil einer Jugend-Kultur, die allgemein Punk genannt wird."
Dieser Titel mit dem "immer oben" sein war wohl die Grund-Idee der Worte Lauckes, die dennoch reichlich unverständlich sprich Zusammenhang-los einherkamen und summierend eigentlich nur als herbe Kritik an den bestehenden Verhältnissen verstanden werden konnten; nach seiner Meinung habe sich zwischen Lessings Ära und heute kaum was geändert: "Wo steckt denn die unterdrückte Klasse?" Zumindest nicht im Kamenzer Rathaus des 17. Januar 2009. Über eine reichlich unverständliche göttliche These ("ich glaube, man kann sich nur selber zu Gott erheben ...") kam er schließlich zu den amüsant-provokanten Final-Verbalien: "Ich glaube, dass es auch in Kamenz Leute gibt, die meine Lebens-Welt teilen. Wenn das so ist, dann sage ich: Yes! Und wenn nicht, dann: Danke für den Preis!"
Der Kenner fühlte sich ein bisschen an den mexikanischen Schauspieler Gael Garcia Bernal erinnert, der bei der ominösen weil vom begonnenen Irak-Krieg überschatteten OSCAR-Verleihung 2003 die gesamte Hollywood-Schickeria reichlich düpierte. (Übrigens wundern wir uns noch heute über deutsche Politik-Journalisten, die im Zuge der Obama-Wahl von einem liberalen Hollywood und einem demokratischen Kalifornien schrieben - das ist doch wohl in Schwarzeneggers Bundes-Staat der hauptsächlich jüdisch finanzierten Film-Industrie so ziemlich das Allerletzte, was zutrifft.) Vielleicht wollte Laucke ein Stück weit in diese scharfe Richtung, aber dafür fehlte ihm doch gehörig viel Souveränität und auch das doppeldeutige breitmundige Grinsen, mit dem der >>Y Tu Maná También<<-Star seine Schelte verabreichte. Viel Freude dürfte Dirk Laucke bei Sachsens neuer Kultus-Ministerin Dr. Eva-Maria Stange jedenfalls nicht ausgelöst haben. Doch auch ihre Verärgerung muss sich Zwangs-logisch in Grenzen halten, würde sie sich doch anderenfalls um den Sinn der eigenen Aussage bringen. "Mit dem Lessing-Preis", so die SPD-Dame mit illustrer pädagogischer und Gewerkschafts-Vergangenheit, gelte es, "Demokraten zu ehren und Demokratie zu fördern." Wohl denn: Demokratie ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden, und Laucke meinte nachweislich nicht "links oder rechts", sondern "oben und unten" (es gibt ja auch "linkes Fett", das ganz oben schwimmt ...). Wie gesagt: Wir fanden Lauckes Ansinnen generell durchaus löblich - er hätte es nur deutlich intelligenter "verpacken" müssen. Wahrscheinlich haben die Psychologie-Semester doch ein wenig geschadet, denn das ist ja nun wirklich kein Job für einen wachen Zeit-Geist seiner Coleur ...
Der Kontrast konnte intensiver nicht sein; nach sehr vielen politischen Nicklichkeiten holte das weibliche Geschlecht zum rein künstlerischen Gegenschlag aus; künstlerisch die Laudatio, zurückgenommen die Beglückwünschte. Ulrike pries Ulrike, nur dass die erstere älter ist, schon längst ihren Doktor gemacht hat (1992) und als Prosa-Autorin sowie Essayistin in Berlin lebt. Das war weiß Gott nicht zu überhören, als diese Dr. Ulrike Drasener fabulierte: "'Streumen' heiße Ulrike Sandigs 2007 erschienener Gedichtband. Der Titel klingt wider von Träumen, Streunen und Streuen. Wirft Träume aus, fordert zum Streunen auf. (...) Streumen. Gemalt wie zwei Hände, die sich gegenseitig zeichnen. Sich selbstverständlich als Plural und Einzelnes, als Zeichen, das treibt, aber ohne Zersplitterung, 'nur' Gestus der Frage, die verharrt und Stille erzeugt ..." Angesichts derolei geschwungener Sätze ertappt sich der Reporter bei dem etwas arg abartigen Wunsch, es möge doch noch einen winzigen PRIX LESSING für die sensationellste Eloge geben. Streumen ist übrigens in Wirklichkeit ein Dorf im ostelbischen Sachsen, doch dieses Wissen blieb der Großstädterin leider versagt. Ein versöhnlicheres weil leicht verständlicheres Zitat der 46-Jährigen (noch, wird am Dienstag 47): "Man träumt Gedichte nicht einfach und schreibt sie dann auf." Das deckt sich mit der Bescheidenheit, die Ulrike Almut Sandig verströmte: "Gedichte sind leicht(er), weil ich damit keinen Zweck verfolge." Und: "Ich schreibe Gedichte, um mit dem, was mich umtreibt, nicht allein zu sein."
Was blieb da noch für den Hauptakt? Wenig, bewusst wenig. Mit Rücksicht auf die doch spürbar angeschlagene Gesundheit von Kito Lorenc geriet auch die Laudatio des an der TU Dresden lehrenden Literatur-Wissenschaftlers Prof. Dr. Christian Prunitsch kürzer als die seiner Vorgänger. Mit Lessings "Jungem Gelehrten" leitete er ein, und dem Satz des Damis-Dieners Anton: "Ich kann Wendisch, und das können Sie nicht." Immer wieder bemüht Prunitsch, der auch ein Kenner des verstorbenen Jurij Brezan ist, im Fortgang diese beiden Figuren aus dem Lustspiel von 1747; wohl auch, weil das den einzigen prägnanten Zugang zur aktuellen Würdigung darstellt. Also kommt er zu dem Schluss, dass der Freistaat "mit Kito Lorenc einen bedeutenden deutschen weil sächsischen wiel sorbischen Literatur-Wissenschaftler ehrt." Nun gut. Dass jenes Votum auch Wahlkampf-taktische Züge trägt, sagt niemand, obwohl es mit unverhohlenem Dunst im gut gefüllten Saal schwebt. Der sorbische Freistaat-Ministerpräsident Stanislau Tillich gilt trotz der - offensichtlich getürkten - jüngsten Kommunalwahl-Erfolge als sehr wackliger Kandidat. Da werfen solche Ehrungen auch ein paar Stimmen in wankelmütigen Künstler-Kreisen ab. Wer die leicht verstockt wirkenden Auftritte sowohl von Dr. Stange als auch von Lorenc selber (dieser aber - wie schon erwähnt - von Krankheit gezeichnet) in diese arglistige Polit-Richtung interpretierte, dürfte kaum überdimensionalen Irrungen aufgesessen sein. Die Regierung in Dresden weiß um die "Causa" Kamenz, und dass hier das letzte Wort in puncto Kreisgebiets-Verschacherung noch nicht gesprochen ist. Den Krieg hat die CDU selbst angezettelt, und Tillich verdankt ja seinen mehr als merkwürdigen Aufstieg einzig und allein der Widerstandkraft von Hutberg-Städtele. Die Sorben rund um Kamenz als beschwichtigendes Element. Niemand hat etwas gegen diese Minderheit, noch weniger gegen ihren Glauben. Aber jeder muss etwas gegen die neuen Mammut-Territorien haben, die der Bevölkerung - übrigens auch der sorbischen - noch sehr viel Leid zufügen werden. Da klangen die Anmerkungen des 70-Jährigen fast schon einen Tick bedrohlich: "Kein Volk ist vollkommen. Kein Volk an der Pleiße, kein Volk an der Neiße. Wir sind ein Rätsel. Wir sind ein Volks-Rätsel." Es steht zu befürchten, dass dies immer so bleibt.
Professor Prunitsch, ein ausgewiesener Kenner deutsch-sorbischen Literatur-Schaffens, hielt die Laudatio für Kito Lorenc. (Fotos dieses Beitrags, auch Ankündigungs-Seite: SACHSEN-EXPRESS/F.H.)