+ HERBERT KÖFER und das Stück "ZIMMER FREI" im Kamenzer STADT-THEATER +

Sterben Sie langsam, sterben Sie heiter - das Leben geht auch ohne Sie weiter ... Anne-Kathrin Vorwerk und Herbert Köfer in der sarkastischen Komödie "Zimmer frei" im Kamenzer Stadt-Theater. (Foto: SA-EX/F.H.)
"NARREN MACHEN MENSCHEN GLÜCKLICH", ODER: ERST STERBEN, DANN LEBEN !
(sa-ex) Wer in diesem Europa mit Theater und dramatischer Kunst zu tun hat, kommt an Ingmar Bergman schwerlich vorbei. Der 2007 verstorbene Schwede war neben seinen vielgerühmten Filmen auch eine Koryphäe des Bühnen-Schauspiels. Unter seinen Leinwand-Arbeiten aber ragt eine heraus. (Gut, die Meinungen über den besten aller "Bergmans" dürften von >>Wilde Erdbeeren<< über >>Das Schweigen<< bis zu >>Szenen einer Ehe<< oder >>Fanny und Alexander<< extrem weit auseinandergehen.) Wir vom SA-EX, gewiss keine Dummköpfe in puncto Zelluloid, favorsisieren eindeutig >>Das siebente Siegel<< von 1957, jenes geniale Mittelalter-Mysterium um Ritter Antonius Block und sein nicht zu gewinnendes Schach-Spiel mit Gevatter Tod. Nie vorher in der Film-Geschichte und nie nachher wurde intelligenter, tiefsinniger mit dem Sterben umgegangen. Es ist keine Komödie, gewiss nicht (was schon sollte an unserem Dahinscheiden lustig sein?), aber es ist auch kein überzogene Qualen erzeugendes Finsternis-Spektakel. Ein kluger, von seiner Pfarrhaus-Kindheit ebenso geprägter wie frustrierter Künstler hat eines der grausamsten Themen zu einem nachdenklich-schönen Lehrstück verarbeitet, und es stimmt sehr traurig, wenn heutige Cineasten dieses phänomenale Meisterwerk im Zusammenhang mit Bergmans Namen schlichtweg vergessen oder ignorieren - gezeigt wird es ja außerdem auch so gut wie nie.
In >>Det sjunde inseglet<< gibt es viele hervorragende Dialoge, darunter auch jenen zwischen des Ritters Knappen Jöns (Gunnar Björnstrand) und dem Kirchen-Maler Picto (Gunnar Olsson). Das begibt sich - Jöns betritt eine kleine Kapelle, in welcher ein Wand-Gemälde in Arbeit ist - folgendermaßen:
Knappe: "Was soll denn das vorstellen?"
Maler: "Das wird der Toten-Tanz."
Knappe: "Soll das da oben der Tod sein?"
Maler: "Ja, er hat sie alle an der Hand und tanzt mit ihnen davon."
Knappe: "Was versprichst du dir von der Kleckserei?"
Maler: "Man kann den Leuten nicht oft genug vor die Nase halten, dass sie unter die Erde müssen."
Knappe: "Meinst du, das macht sie glücklicher?"
Maler: "Warum zum Teufel soll man die Leute immer glücklich machen? Ich will sie ruhig ein bisschen erschrecken."
Knappe: "Sie werden die Augen zumachen und nicht hinsehen."
Maler: "Verlass' dich drauf: Sie werden hinsehen! Alles, was nach Tod riecht, zieht mehr als nackte Frauenzimmer ..."
Wir erlauben uns diesen Einstieg mit wie stets sehr ausgeprägtem Hintersinn. "Zimmer frei", das am Donnerstag im Kamenzer Stadt-Theater zur Aufführung gelangte Stück eines Schweizers namens Markus Köbeli, zog die Menge ebenso an. Allerdings erscheint es ausgesprochen fraglich, ob das mehrheitlich ältere (um nicht zu sagen alte) Publikum wirklich wusste, auf was es sich da eingelassen hatte. "Zimmer frei" klingt nach WDR und Friseusinnen-Schreck Götz Alsmann, nicht nach der Begegnung eines zum Ableben "reifen" Rentners mit einer jugendlichen Anhängerin der "Gruftie"-Szene, deren Wohnzimmer-Sarg zum Spielzeug mit doppelten Boden wird.
Sie, die RentnerInnen und Vorruheständler, waren doch wohl eher wegen dem Hauptdarsteller erschienen: Herbert Köfer, Ikone des Unterhaltungs-Business in einer DDR, die es ebenso gab wie es Unterhaltung in ihren gemauerten Grenzen. Vielleicht einer der letzten möglichen Begegnungen, denn viele seiner schauspielernden Kollegen des Honecker-Staates hat der Berliner bereits jetzt überlebt; Kunststück, er war zwei Tage vor diesem Auftritt in der Hutberg-Metropole 88 geworden. (Wo eigentlich waren die Blumen?)
Es ist und bleibt eine ewige Frage: Kann und sollte man sich in diesem Alter nicht einfach zur Ruhe setzen? Wir kennen doch diese Gehässigekien aus dem ganz normalen Alltags-Leben; wenn Einer quasi bis zum Umfallen einem Job nachgeht, wird er immer als "Nie-genug-Kriegender" beschimpft. Längst aber sollte sich auch eine ganz andere Erkentnis durchgesetzt haben, nämlich jene, dass es - natürlich sofern es die Gesundheit erlaubt - vielleicht die angenehmere Variante ist, bis zur letzten Stunde seinem Handwerk zu frönen. Damit zum Beispiel können die gewiss nicht einfachen Gedanken über den Tod spielerisch einfach verdrängt werden. Man muss da nicht in jedem Fall pure Geld-Gier unterstellen; reich würde ein Herbert Köfer mit diesen Auftritten in der Großstadt-fernen "Provinz" ohnehin nicht.
Dass ihm die begleitende Broschüre zum 3-Personen-Stück Köbelis, inszeniert übrigens von der ebenfalls im Arbeiter-und-Bauern-Staat bekanntgewordenen Ursula Karusseit, eine "Maß-geschneiderte Rolle" als Opa Müller attestiert, verursacht bei genauerer Betrachtung freilich Bauch-Schmerzen, besser ausgedrückt ein "Krümseln". Denn "Zimmer frei" ist ein verlustigtes >>Siebentes Siegel<< auf Schweizerisch mit eine gehörigen Portion Schwarzhumor, wie er sonst höchstens noch dem Film-Titel (nicht dem Film selbst, den der gilt eher als "Depri-Komödie") >>Wilbur Wants to Kill Himself" anhaftet. Wenn Köfer/Müller im zweiten Teil wie nebenbei den Sarg besteigt, schießt dem Betrachtenden unwillkürlich und ohne jede Böswilligkeit die Zahl 88 durch den Kopf. Es kann ja eigentlich gar nicht mehr ...
Köfer aber erfreut sich - zumindest äußerlich - bester Gesundheit, wirkt sogar ein bisschen rundlicher als früher, was keinesfalls dicker meint und daher als positives Zeichen zu werten ist. Er reüssierte zu Ost-Zeiten in vielen Sparten, war sogar ursprünglich mal Nachrichten-Sprecher, blieb jedoch in erster Linie als Komödiant oder eben Sympathieträger durch leichte Kost a là "Rentner haben nienals Zeit" im Gedächtnis haften; die letztgenannte Serie ein absolutes Quoten-Highlight des Mattscheiben-DFF. Kein Super-Star des Ostens (wer war das schon außer Mitic und - gemeint sind die Dagebliebenen - vielleicht noch Geschonneck?), zog der Spreeathener - der sein "Berlinerisch" so herrlich unterdrücken kann, ohne es zu verstecken - in seinen im Vorjahr erschienen Memoiren "Nie war es so wie immer ..." eine entspannte Bilanz; Zeilen wie "Was das Lügen angeht - das wird bei der DDR bestimmt auch das Leugnen von Errungenschaften sein. Ich bin froh, dass mir das erspart bleibt. Ich war gern ein DDR-Bürger" riefen sofort die hetzende Meute (darunter auch die angeblich Ost-freundliche SUPER-ILLU!) auf den Plan. Wie kann er es wagen?
Er konnte. Wir waren ja schließlich keine 17 Millionen Idioten. Und wem es - allein über seinen Beruf, seine Fähigkeiten - gutging unter der SED-Fuchtel, der muss sich nicht später hinstellen und Alles verdammen, nur weil das ein paar beknackte "Wessis" so wollen. Dies mal zur Klarstellung. Dass Köfer was kann (und es nicht verlernt hat), bewies er an der Pulsnitzer Straße, denn natürlich lebt das Stück von seinem Können, seiner Selbstironie. Gleich zu Beginn schleppt er sich, bepackt mit allerlei Koffern, in das Titel-gebende freie Zimmer, ohne da die Vermieterin anzutreffen. Die nämlich meditiert noch im Sarg-Inneren, der anfänglich gar nicht auffällt, weil er zu sehr an der Wand platziert ist. Später dann entsteigt also eine Jugendliche mit Feuer-orangenem Kopfputz dieser Friedhofs-Utensilie, und beider Verwunderung nimmt starke Konturen an. Inseriert habe diese Jolanda Sollberger zwar, aber an einem Ort, wo sich kaum ein Senior verirren würde. Doch Opa Müller liest's nunmal, und weil er immer noch auf den Platz im Altersheim "Paradieschen" warten muss, den der Schützenvereins-Jünger Ramsoldinger durch sein Nicht-Ableben "boykottiert", ist er nun hier gelandet bei der Arbeitslosen, die ein bisschen Telefon-Sex macht und dennoch die Moneten aus der Vermitung der Hälfte ihrer Bude braucht.
Aus dem Misstrauen wird nur langsam Sympathie, die letztlich nur dadurch entstehen kann, weil der Alte den Sarg und auch den Totenkopf-Handyhalter seines nur als Zwischenstation gedachten neuen Zuhauses ignoriert, was "Glotz" - so nämlich nennt sich Jolanda - ebenso irritiert wie der Fakt, dass er ihre bis hin zu Marihuana reichenden eigenen Probleme völlig locker nimmt. Müller ist halt eh der Annahme, dass Ramsoldinger bald den Weg alles Irdischen geht. Aber dann erscheint erst einmal Frau Hämmerle, die alle Formalitäten fürs "Paradieschen" zu klären und auch die "Eignung" Müllers zu prüfen hat - so eine Alters-Einrichtung ist halt überall streng bürokratisch reglementiert. Immerhin macht die Dame Hoffnung: Es könne sich bei Ramsoldinger nur noch "um Stunden" handeln; "der Pfarrer konnte ihn überzeugen, dass auch im Himmel geschossen wird."
Es kommt anders. Müller wird von der "Paradieschen"-Verwaltung abgelehnt und packt schon seine Habseligkeiten zusammen, um auch "Glotz" zu verlassen. Doch längst sind sich "Gruftie" und "Oldie" nähergekommen, haben sich miteinander arrangiert, und also darf er bleiben ... zum letzten Akt, zum Sterben. Dieses finale Szenario ist das Beste, das Stärkste an Köbelis Stück - hier prasseln Pointen und Sarkasmen im Sekunden-Takt auf das Publikum ein. Denn Opa ist mit dem Leben fertig und wartet ausschließlich auf die "Stunde X", während sich Yolanda - nunmehr ihren haarigen Leuchtfarben entkleidet und im natürlichen Blond gleich zehnmal attraktiver aussehend - mit "Sterbe-Ratgebern" eingedeckt hat. Das hört sich dann schon bisweilen bestialisch an: "Eigentlich sollte man zuerst sterben und dann leben." Oder: (Sie) "Wieviel Tränen dürfen für einen Toten vergossen werden?" - (Er) "Das werden die im Bestattungs-Institut schon wissen."
Dann aber fängt es an zu "Krümseln", und es wohl nicht die Milz. Aus dem "Krümseln" wird ein "Kramseln", daraus ein "Krimseln", schließlich ein "Krömseln". In einem letzten Anfall an (geistiger) Raserei setzt sich Müller mit Jolanda als "Sozius" in den Sarg und imitiert eine Motorrad-Fahrt. Dann ist er tot, und "Glotz" glotzt in Richtung der neben ihrem Sarg installierten Glocke, die eine Art Gott-Symbolik darstellen soll und die dem ansonsten reichlich unchristlichen Treiben zum Schluss hin einen religiösen Charakter verleiht (weil ja das Sterben stets auch mit dem Übertritt in eine andere Welt gleichgesetzt wird). Dieses gar zu aufgesetzt wirkende Ende mag irriteren, aber da es kaum stört, sei es nicht unnötig bekrittelt. Abstriche am dreiköpigen Ensemble - neben Köfer die resolute "Glotz" Anne-Kathrin Vorwerk (die zu ihren Fähigkeiten auch den ... asiatischen Stock-Kampf zählt) sowie Debora Weigert als Frau Hämmerer - sind ebenfalls keine zu machen; das Stück ist nicht allein "Maß-geschneidert" für den männlichen Part, sondern erlaubt generell kaum schauspielerische Schlechtleistungen.
Der Protagonist, wegen dem die Veranstaltung in erster Linie ausverkauft war, hatte in seiner Autobiographie noch andere Worte gefunden: "Über Eines mache ich mir oft Gedanken: Wie wird man später über Herbert Köfer denken? Irgendetwas zwischen 'heiterer Fridolin' und 'ernsthafter Schauspieler'. Als 'Fernseh-Pionier und DDR-Unterhaltungsmensch'. Wenn ich Glück habe, als Narr. Narren machen Menschen glücklich. Allerdings nur auf der Bühne, nicht in der Politik." Zumindest werden wir ihn nach diesem Abend als grundsoliden Handwerker in Erinnerung behalten, der den ungekünstelten Beweis antrat, dass das (Schauspieler-)Leben nicht erst mit 66 beginnt, aber mit 88 beim Allmächtigen auch nicht vorbeisein muss.
Von Markus Köbeli, ein gebürtiger Berner vom Jahrgang 1956, stammt der Ausspruch: "Lachen verleitet bekanntlich dazu, etwas nicht ganz ernst zu nehmen." Das wirkt auf den ersten Blick einigermaßen platt, verkehrt sich aber spätestens dann zur Weisheit, wenn sich der Autor tragischer Themen bedient, um sie zu verheiterisieren. Anderes aus seiner Feder, etwa der die Berg-Touristen in der Eidgenossenschaft veralbernde Schwank "Holzers Peepshow", weist ihn als den durchaus mit Respekt zu behandelnden "Extrem-Übersetzer der Wirklichkeit" aus, als der er sich selber einmal beschrieb. Aber beim Thema Sterben? Es scheiden sich die Geister: Soll darüber lachen, wer's lustig finden kann. Wem die eingangs zitierte Bergmansche Lesart schlüssiger erscheint, der wird sich dem spritzigen Witz des Dargebotenen sicher nicht verschließen, aber trotzdem eine ernstere Sicht bevorzugen. Denn wie sagte doch Picto: "Warum zum Teufel soll man die Leute immer glücklich machen? Ich will sie ruhig ein bisschen erschrecken." Es gab im Kamenzer Stadt-Theater einen kurzen Dialog, der müsste sogar Köbeli erschrecken. Schon weil er gar nicht in seinem Text vorkommt. Als Opa Müller die "Paradieschen"-Bürokratin Hämmerle fragte, ob denn im Alten-Heim "das Sterben ERLAUBT" sei, meinte eine Stimme im Publikum ziemlich unüberhörbar: "ERWÜNSCHT". So macht sich halt jeder seine eigenen Gedanken über jene Zeit, in der man/frau sich die (Pa-)Radieschen von unten besieht. Ein sehr gelungener Theater-Abend war es aber trotzdem ...
"Ich bin schonmal etwas Probe-gelegen. Etwas hart, aber alles in Allem nicht unbequem." Herbert Köfer als Opa Müller und ein Sarg in der Komödie "Zimmer frei". (Foto: SACHSEN-EXPRESS/F.H.)